Besucher des Kreuzberger MyFestes in Berlin © Stephanie Pilick/dpa

Deutschland tut sich schwer mit seinen Einwanderern. Seit CSU-Chef Horst Seehofer im Vorwahlkampf das Migrationsthema für sich entdeckt hat, streiten Politik und Medien über vermeintliche Armutszuwanderer aus Osteuropa. Kommen sie in Massen, um hier das Sozialsystem auszunehmen? Ist das innerhalb bestehender Gesetze überhaupt möglich? Öffnen sich die Grenzen nicht vielmehr für qualifizierte Arbeitnehmer, die Deutschland gut gebrauchen könnte? Welches Bild haben wir überhaupt von den Osteuropäern, die ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen?

Die Zeit, in der Deutschland massenhaft Gastarbeiter im Ausland anwarb, aber partout kein Einwanderungsland sein wollte, ist lange vorbei. Aber die Beziehung der Politik zur Migration ist immer noch voller Neurosen.

Dabei stehen die deutschen Bürger den Einwanderern überwiegend gelassen gegenüber – und zwar quer durch alle Generationen. Das zeigt eine Grafik der britischen Marktforscher von Ipsos MORI. Sie bildet über mehrere Jahre hinweg ab, was die Bürger von Immigranten halten. Sind die Neuankömmlinge, alles in allem, gut für die deutsche Wirtschaft, oder eher schlecht? Das überraschende Ergebnis: Schon seit 2008 sagt eine Mehrheit der Deutschen, Einwanderung sei gut für das Land. Das gilt für Kriegskinder und Babyboomer genauso wie für die Jüngeren. Zuletzt stieg der Anteil der Befragten sogar, die die Einwanderung positiv beurteilen. Und die Unterschiede zwischen den Generationen schrumpften. 

Dass sich Ältere und Jüngere derart einig sind, sei "ziemlich ungewöhnlich", sagt Bobby Duffy von Ipsos. In anderen Ländern Europas sei das nicht der Fall. Für Großbritannien zum Beispiel hat Ipsos eine ganz klare Kluft zwischen den Generationen ermittelt. Kriegskinder und Babyboomer stehen dort den Einwanderern eher ablehnend gegenüber, später Geborene sind offener.

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Andere Umfragen bestätigen den Befund. Im am Donnerstag veröffentlichten Deutschlandtrend der ARD vertraten 46 Prozent der Befragten die Meinung, dass Deutschland durch Immigranten alles in allem mehr Vorteile als Nachteile habe. Mehr als zwei Drittel sagten, Deutschland brauche qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Zwar waren auch in der aktuellen Umfrage 70 Prozent der Meinung, dass Ausländer, die in Deutschland keinen Job suchen, das Land wieder verlassen sollten, und 76 Prozent sagten, die Parteien kümmerten sich viel zu wenig um die Probleme, die durch die Immigration entstünden.

Dennoch, sagen die Kollegen von der ARD, seien die Umfrageergebnisse eine Überraschung. Zuvor hätte eine Mehrheit der im Deutschlandtrend Befragten jahrelang die Einwanderung auch von gut ausgebildeten Personen abgelehnt.

Angst vor der Konkurrenz

Die Daten zeigen aber auch, wie wichtig die äußeren Umstände für die Haltung der Bürger gegenüber Immigranten sind. Am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung forscht Bram Lancee darüber, wie gut Migranten im Arbeitsmarkt eingegliedert werden, und er beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit. Im vergangenen Dezember schrieb er: Wer den Job verliere, eine große Angst vor Arbeitsplatzverlust habe oder in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit lebe, neige eher zu fremdenfeindlichen Einstellungen. 

Der Soziologe Daniel Fuß hat sich früher mit den Daten des European Social Survey beschäftigt, dessen Daten die Forscher von Ipsos verarbeitet haben. Er berichtet Ähnliches: Wer die eigene finanzielle Situation oder die gesamtwirtschaftliche Lage negativ bewerte, neige eher zu Ablehnung von Immigranten. "Kulturelle und materielle Ängste", sagt Fuß, seien die "mit Abstand erklärungskräftigsten Merkmale" für eine Abwehrhaltung. 

Mit anderen Worten: Wer Angst um seine wirtschaftliche Existenz hat, fürchtet sich vor Konkurrenz. Da können Migrationsforscher noch so oft schreiben, dass ausländische Neuankömmlinge vor allem den Ausländern die Jobs streitig machen, die schon hier sind – und eher nicht den Deutschen. Die Sorge der Einheimischen bleibt. 

Wer aber Arbeit hat, fürchtet Migranten möglicherweise kaum. Vielleicht ist das die ganz einfache Erklärung für die zuletzt überraschend positive Einstellung der Deutschen zu ihren Einwanderern. Der deutschen Wirtschaft geht es gut, die Arbeitslosigkeit ist relativ niedrig, die Konjunkturprognosen sind positiv. Im Jahr 2004, als der European Social Survey auch in Deutschland vor allem Abwehr gegenüber den Fremden maß, war das noch anders. In den Vorjahren war das Bruttoinlandsprodukt zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit stieg, bis sie im April 2005 einen Höhepunkt erreichte. Im Jahr 2009 brach die Wirtschaftsleistung ebenfalls ein, und die Arbeitslosigkeit nahm wieder zu, wenn auch viel weniger als befürchtet. Im Jahr darauf nahm auch die Offenheit der Deutschen gegenüber Migranten wieder ab. Die Ipsos-Grafik zeigt auch diese Einbrüche. 

Im Moment scheint Deutschland die Neuankömmlinge gut gebrauchen zu können. Sobald sich das ändert, könnte auch die Angst vor Fremden wieder wachsen. Möglicherweise in allen Generationen.