Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) © Adam Berry/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Müller, die Kappensammlung von Dirk Niebel ist aus der Regalwand ihres Ministerbüros verschwunden. Hat Ihr Vorgänger auch etwas zurückgelassen?

Gerd Müller: Als ich einzog, waren noch ein paar Mützen da. Inzwischen sind sie aber entsorgt, und ich bin auch in ein anderes Büro gezogen.

ZEIT ONLINE: Was bleibt inhaltlich?

Müller: Jeder Minister hat hier im Haus seine Spuren hinterlassen. Ich habe mir vorgenommen, mit allen meinen Vorgängern Kontakt aufzunehmen, auch mit Heidemarie Wieczorek-Zeul oder Carl-Dieter Spranger. Besonders gefreut habe ich mich, dass mir Walter Scheel gratuliert hat.

ZEIT ONLINE: Können Sie konkret sagen, was Sie von Dirk Niebels Arbeit übernehmen wollen?

Müller: Ich baue auf der Arbeit meiner Vorgänger auf. Das Entwicklungsministerium wird auch künftig gemeinsam mit dem Außenministerium Deutschland in der Welt vertreten. Dabei hat jeder Minister seinen eigenen Auftrag, seinen eigenen Ansatz.

Das Verdienst meines Vorgängers war es, die Wirtschaft stärker einzubinden. Auch die Fusion der verschiedenen öffentlichen Entwicklungsorganisationen zu einer einzigen, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), war notwendig. Sie hat unsere Basis für die praktische Arbeit gestärkt.

ZEIT ONLINE: Ein Beispiel: Sind Sie auch wie Dirk Niebel der Meinung, es müsse ein Ziel deutscher Entwicklungspolitik sein, die Versorgung der Wirtschaft mit Rohstoffen zu sichern?

Müller: Mein Ansatz ist viel breiter. Es geht um die Überlebensfragen der Menschheit ...

ZEIT ONLINE: Überlebensfragen?

Müller: Ja. Die Millenniumsentwicklungsziele beschreiben nichts anderes.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, die bis 2015 erreicht sein sollen, unter anderem Ernährung, Bildung, Gesundheit, ökologische Nachhaltigkeit für alle Menschen weltweit.

Wir stehen als reichste Industrienation in der Pflicht

Müller: Und ab 2015 brauchen wir eine neue globale Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsagenda, an der wir bereits aktiv arbeiten.Eine Milliarde Menschen auf der Welt kämpft gegen Übergewicht und Fettsucht, und eine andere Milliarde hat nicht genug zu essen. Täglich sterben 25.000 Kinder. Wir haben ein Massenelend in den Flüchtlingslagern, 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – weltweit. Und wir stehen als reichste Industrienation und auch als Einzelner in der Pflicht, unseren Beitrag gegen die Armut zu leisten. Das ist die zentrale Herausforderung meines Ministeriums. Aber es ist nicht die einzige.

ZEIT ONLINE: Welche gibt es noch?

Müller: Der Mensch hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck. Besonders groß ist der Abdruck von uns Einwohnern der Industrieländer. 20 Prozent der Menschheit beanspruchen 80 Prozent des Reichtums für sich, und sie verursachen auch zwei Drittel der Umwelt- und Klimaschäden. Ist das gerecht?

Die Weltbevölkerung wächst täglich um 250.000 Menschen. Das heißt, jede Woche kommen 1,7 Millionen Menschen dazu. Das sind mehr, als heute in München leben. Können wir sie alle satt machen? Schaffen wir es, mit den Umweltbelastungen umzugehen? Wie kooperieren wir weltweit, um diese Probleme zu lösen?

ZEIT ONLINE: Ihr Etat ist noch weit vom erklärten Ziel entfernt, 0,7 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe bereitzustellen.