Dieser Passus im Koalitionsvertrag sorgte prompt für Aufregung: "Für gesetzlich Versicherte wollen wir die Wartezeit auf einen Arzttermin deutlich reduzieren." Der Vorschlag sei "unsinnig", ereiferte sich Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. "Populistisch und unausgereift", polterte Andreas Gassen, der Fachärzteverbandschef. Und Werner Baumgärtner, Chef der Ärztegenossenschaft Medi Geno, vermutete gar eine "absurde Kampagne gegen niedergelassene Fachärzte".

Was haben Union und SPD en detail vor? Maximal soll ein Patient höchstens vier Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten müssen. Dafür soll die Kassenärztliche Vereinigung (KV) zukünftig Termine zentral vermitteln. Dauert das länger als vier Wochen, soll der Patient sich an die Ambulanz eines Krankenhauses wenden dürfen.

Für die Fachärzte ist der Vorstoß ein Affront, sie fürchten, dass Krankenhäuser ihnen zukünftig in die Patientenversorgung hineinfunken. Das System funktioniere doch gut, sagen sie. Die KV verweist auf ihre Versichertenbefragung aus dem Vorjahr. Nach ihr musste nur jeder Zehnte drei Wochen oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten.

Bei den gesetzlich Versicherten ist es allerdings schon jeder Fünfte. Und der Bundesverband der Betriebskrankenkassen kam in einer Umfrage vor zwei Jahren zum Schluss, dass sogar die durchschnittliche Wartezeit bereits drei Wochen betrage. Am längsten, rund 38 Tage, hatten die Befragten damals beim Augenarzt warten müssen. Am schnellsten ging es beim Hausarzt, dort bekamen Patienten den nächsten Termin in durchschnittlich acht Tagen.

Um langen Wartezeiten entgegenzuwirken, bieten viele Krankenkassen schon heute an, Facharzttermine zu vermitteln. Es sei unökonomisch, wenn Patienten ewig und drei Tage beim Hausarzt behandelt würden, sagt Christine Richter vom BKK-Dachverband. "Die billigste Versorgung ist: so schnell wie möglich zum Spezialisten."

Doch ausgerechnet die Fachärzte machen sich rar. Warum? Glaubt man den Branchenvertretern, dann sind sie überbelastet. Der Beruf sei wegen langer Arbeitszeiten und immer mehr Bürokratie inzwischen unattraktiv geworden. In einer Plakatkampagne inszenieren sich Fachärzte selbst sogar als aussterbende Art. Dabei liegt ihr Anteil an der deutschen Ärzteschaft nicht unter dem OECD-Durchschnitt. Er steigt sogar seit Jahren. Im Unterschied dazu stagniert die Zahl der Hausärzte inzwischen.

Leonhard Hansen, seit 35 Jahren Hausarzt in der Nähe von Aachen und ehemals Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sieht das Problem in den falschen finanziellen Anreizen im Gesundheitssystem. Ärzte würden etwa Patienten gern alle drei Monate zur Kontrolle in die Praxis bestellen, weil das in jedem Quartal eine Pauschale von der Krankenkasse garantiere. Je gesünder der Patient, desto weniger muss der Arzt für diese Pauschale tun. Ein einfacher Termin mit sicherer Vergütung. Neben dem Kontrollwahn bescheinigt Hansen seinen Kollegen eine "Amortisitis": Teure Geräte sollen sich schnell amortisieren, also werden sie eingesetzt, ob nötig oder nicht.