Fleischatlas : Unser täglich Hormonfleisch

Billigfleisch aus Schlachtfabriken, Turbo-Sauen voller Medikamente: Der Fleischatlas beschreibt die Bedingungen der Produktion – und zeigt, dass es auch besser ginge.
Bio-Schwein in einem Stall © Frank May/dpa

Es ist der Einsatz von Medikamenten mit bizarren Folgen: In der deutschen Schweinemast erhalten die Sauen nach Einschätzung des Bunds für Umwelt- und Naturschutz immer öfter systematisch Sexualhormone. Die Hormone schalten den Sexualzyklus der Tiere gleich und führen dazu, dass unnatürlich viele Ferkel geboren werden. Hormonell wirksame Substanzen, unter ihnen die als krebserregend und erbgutschädigend geltenden Steroide, gelangen mit der Gülle aufs Feld und ins Trinkwasser.     

Die Zucht mit Sexualhormonen müsse aufhören, verlangt der BUND. Es ist eine der zentralen Forderungen im Fleischatlas, den der Umweltschutzverband gemeinsam mit der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung Le monde diplomatique am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat. In dem Bericht, den die drei Organisationen zum zweiten Mal herausgeben, beschreiben sie das große Geschäft mit den Tieren: die steigende Nachfrage nach Fleisch, vor allem in den boomenden Schwellenländer. Die zu Hochleistungsfabriken gewandelten Schlachthöfe – auch in Deutschland.

Immer mehr Nutztier-Arten verschwinden, Ackerland wird verschwendet. Zudem konzentriert sich die globalisierte Industrie immer stärker: Die meisten Großkonzerne kommen aus den USA und Brasilien (siehe Grafik am Ende des Textes). Deutsche Unternehmen finden sich zwar nicht in den Top Ten, aber die deutschen Fleischfabriken produzieren ebenfalls längst für den Weltmarkt. Das hiesige Unternehmen Tönnies gehört in Europa zu den Großen.  

Emotionale Debatte ums Essen

Die Trends zu einer stärkeren Industrialisierung, Globalisierung und Konzentration sind nicht neu, aber dennoch brisant. Den Verbrauchern ist wichtig, was sie essen, ob aus Gesundheits- oder Umweltschutzgründen. Und nur wenige Debatten werden in der Öffentlichkeit so emotional geführt wie jene über Vegetarismus, Veganismus und Fleischkonsum. 

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Dass die Autoren des Fleischatlas den weltweit wachsenden Carnivorismus kritisch beurteilen, zeigt bereits die Aufmachung des Werks: "Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel" steht da über einer aus rohen Koteletts zusammengepuzzelten Weltkarte. "Ernährung ist nicht nur Privatsache", schreiben die Autoren. Die globale Mittelschicht verbrauche einfach zu viel Fleisch.   

Gleich daneben steht aber auch: Würden die Tiere in bäuerlichen Kleinbetrieben und artgerecht gehalten, könnte das dem Klima, der Umwelt und der Gesundheit sogar nutzen. Es geht im Fleischatlas also nicht nur darum, wie schädlich Fleischkonsum sein kann, sondern auch um eine zweite, ebenso grundsätzliche Frage: Unter welchen Bedingungen wollen wir unsere Nahrung hergestellt wissen?

Das Thema ist aktuell und treibt zurzeit auch Politiker um. Das zeigt sich gerade in den Freihandelsverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Die geplante transatlantische Freihandelszone soll beiden Partnern noch mehr Wohlstand bescheren. 

Noch mehr Hormone 

Doch Umwelt- und Verbraucherschützer befürchten schädliche Nebenwirkungen – unter anderem noch mehr Hormone in der Zucht. Denn die Fleischfabriken in den USA funktionieren nach anderen Regeln als die europäischen Betriebe. Die Mästereien und Milchproduzenten der USA setzen häufig Wachstumshormone ein, die in der Europäischen Union wegen ihrer Nebenwirkungen für die Tiere und der möglichen Folgen für die menschliche Gesundheit verboten sind.

Ractopamin ist eines dieser Hormone, das auch in Brasilien gerne benutzt wird. Ractopamin lässt Mastschweine und Rinder schneller Fleisch ansetzen, und Kühe geben durch das Medikament mehr Milch. Je nach gemästeter Tierart steigt die Produktivität der Betriebe durch den Zusatzstoff um bis zu 38 Prozent. Die meisten Staaten der Welt untersagen den Einsatz solcher Wachstumshormone, darunter China, Russland, Indien und die Türkei.  

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Kommentare

215 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Hä, dank der Selbstbestimmung der Frauen?!

sinkt die Fruchtbarkeit der Männer?! Böse Frauen aber auch.
Na, wie wäre es denn, wenn mann selber dafür sorgte, dass er keine Kinder in die Welt setzt, wenn es das nicht will? Da gibt es auch Mittel wie die Sterilisation, die sogar wieder rückgängig zu machen wäre.
http://www.refertilisieru...
Aber da stehen ja die verbreiteten Ängste davor, dass ein sterilisierter Mann kein richtiger Mann ist.