ZEIT ONLINE: Herr Börner, Sie machen seit mehr als zehn Jahren Lobbypolitik für die deutsche Exportwirtschaft. Das sind die Unternehmen, die gerade die Welt mit ihren Exporten erdrücken und die Weltwirtschaft in neue Ungleichgewichte stürzen.

Anton F. Börner: Das wollen uns einige – unter anderem die Amerikaner – weismachen, ja.

ZEIT ONLINE: Und es stimmt nicht?

Börner: Natürlich nicht! Ich halte die Kritik an den deutschen Exporten für absoluten Quatsch. Erst recht, wenn sie aus Brüssel kommt.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie ja sagen.

Börner: Wir sprechen doch nicht nur für die Exporteure, sondern auch für die Importwirtschaft. Ich sage das im Übrigen, weil ich einfach nicht nachvollziehen kann, wieso die deutsche Exportwirtschaft die Euro-Krise verschlimmern soll. Die Exportüberschüsse Deutschlands im Vergleich zum Rest der Euro-Staaten sind zuletzt so niedrig gewesen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Damals galt Deutschland als der kranke Mann des Kontinents. Wer behauptet, Deutschland lebe auf Kosten Europas, hat einfach nichts verstanden! 

ZEIT ONLINE: Im Vergleich zum Rest der Welt aber steigen die deutschen Exportüberschüsse seit Jahren auf immer neue Rekordhöhen. Es ist doch weitgehend Konsens, dass das nicht gesund sein kann.

Börner: Einspruch. Zum einen hatten wir eine lange Phase in den neunziger Jahren, in der wir in Deutschland Leistungsbilanzdefizite hatten…

ZEIT ONLINE: … damals wurde also mehr importiert als exportiert.

Börner: Ja, und das war notwendig, weil wir rund zwei Billionen Euro nach Ostdeutschland transferieren mussten, um die Wiedervereinigung zu bewältigen. Dass wir jetzt wieder hohe Überschüsse erwirtschaften, hat schlicht damit zu tun, dass Deutschland auf den Weltmärkten enorm wettbewerbsfähig geworden ist. Wir sind im Moment einfach sehr gut. Die Politik wäre verrückt, wenn sie versuchen würde, das zu ändern. Dann bräche unser heutiges System zusammen.

ZEIT ONLINE: Sie verschweigen, dass die Deutschen von einigen Dingen profitieren, für die sie nichts können: für den verhältnismäßig schwachen Eurokurs beispielsweise.

Börner: Ich glaube nicht, dass wir mit einer starken Währung unsere Vorteile verlieren würden. Wo machen wir im Moment unser Geschäft? In Ostasien, in den USA, in Lateinamerika, Russland – überall auf der Welt bekommen im Moment deutsche Unternehmen die Aufträge und nicht die Konkurrenz aus anderen Ländern. Warum? Weil unser Preisleistungsverhältnis stimmt und wir für Transformationsstaaten wie China die richtigen Produkte im Angebot haben: Maschinen, Fahrzeuge, Stahlträger für Brücken und so weiter. Die Welt braucht Investitionsgüter und darin sind wir stark.

ZEIT ONLINE: Das mag gut für die deutschen Unternehmen sein, schlecht aber für die deutschen Arbeitnehmer. Die hatten im letzten Jahrzehnt unter dem Strich kaum Lohnsteigerungen, und das obwohl die Unternehmensgewinne gestiegen sind.

Börner: Das ist mir zu eng betrachtet. Erstens haben wir in großem Umfang neue Arbeitsplätze geschaffen. Es gibt heute viele Menschen, die einen sicheren Job haben – anders als noch Mitte des vergangenen Jahrzehnts. Das wird gerne vergessen. Zweitens gäbe es ohne Deutschland mit seiner starken Wirtschaft heute keinen Euro mehr. Die Nachbarländer wären längst pleite, denn sie leben davon, dass Deutschland ihre Exporte abnimmt und ihnen so den Weg auf die Weltmärkte ebnet. Es ist doch gar nicht so ungewöhnlich, dass einzelne Länder die Funktion als Exporthafen für andere übernehmen. In den USA exportieren auch einige Bundesstaaten viel mehr als andere, ohne dass sich jemand darüber aufregt. Dass es die Währungsunion weiterhin gibt, hilft uns allen.