Martialischer Auftritt: Mitglieder einer Bürgermiliz, die im mexikanischen Michoacán gegen das Drogenkartell der Tempelritter kämpft. © Alan Ortega/Reuters

Man muss sich Nazario Moreno als erfolgreichen Unternehmer vorstellen: geschickt in der Markenpflege, sozial engagiert, religiös motiviert, von vielen bewundert. Eine von Mythen umrankte Persönlichkeit – bis über den Tod hinaus, falls die offiziellen Geschichten über sein gewaltsames Ende stimmen. Sie könnten aber auch falsch sein. In diesem Fall wäre Moreno quicklebendig und könnte aus dem Untergrund in Ruhe weiter seinen Geschäften nachgehen.

Nazario Morenos Business war die Gewalt. Für ihn zu arbeiten bedeutete, für ihn zu morden. Wer das tat, war nicht bloß ein Angestellter. Er galt als Mitglied der Familie. Moreno war Gründer und Pate der Familia Michoacana, der Familie aus Michoacán. Sie war eine der brutalsten Banden der mexikanischen Drogenmafia. Ihre Nachfolger sind es bis heute.

Morenos Geschichte erzählt viel über Mexikos Kampf gegen die Kartelle: darüber, warum es für die Regierung so schwer ist, das Land zu befrieden; wie das Geschäftsmodell der organisierten Banden funktioniert; und über die Verbundenheit großer Teile der Bevölkerung mit den narcos, wie die Drogenmafia im Volksmund heißt.

Sie hilft auch zu verstehen, warum in Mexikos südwestlichem Bundesstaat Michoacán der Drogenkrieg gerade eskaliert. Seit Wochen bekämpfen sich dort Bürgermilizen, Drogenbanden und Soldaten. Dabei hatte Mexikos neuer Präsident Enrique Peña Nieto sein Amt vor gut einem Jahr mit dem Versprechen angetreten, das Land zu befrieden. Doch jetzt hat er es in Michoacán mit dem schlimmsten Konflikt seit Jahren zu tun, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten. 

Angriff auf die Geschäftsgrundlage der Bosse

Auslöser war eine Attacke der Regierung auf die Geschäftsgrundlage der Drogenbosse Michoacáns. Im vergangenen November schickte Peña Nieto Soldaten dorthin. Sie besetzten den wichtigsten Frachthafen Mexikos, Lázaro Cárdenas, und entmachteten die lokalen Polizisten. Den Ordnungshütern wurde vorgeworfen, nicht für den Staat zu arbeiten, sondern für die Drogenbanden, die wahren Herren des Landstrichs. Die nennen sich heute Tempelritter, und Nazario Moreno ist ihr Ahnherr. Zu ihm beten viele in Michoacán wie zu einem Heiligen. Sie schreiben Gebete an San Nazario und errichten ihm Altäre.

Moreno gründete die Familie Michoacáns im Jahr 2006. Es war das Jahr, in dem der damalige Präsident Felipe Calderón seinen Drogenkrieg begann, ausgerechnet in Michoacán. Dort waren zu jener Zeit aus anderen mexikanischen Bundesstaaten stammende Kartelle aktiv: die Zetas, eine streng hierarchisch organisierte Truppe ehemaliger Elitesoldaten, und das Kartell von Sinaloa. Beide gehören bis heute zu den einflussreichsten Drogenbanden Mexikos.

Vielleicht dachten die ersten Mitglieder der Familie Michoacáns, sie müssten ihre Gemeinschaft gegen die Eindringlinge aus dem Norden verteidigen. In der Nacht zum 7. September 2006 erschienen sie zum ersten Mal. Eine Gruppe Bewaffneter überfiel die Bar Luz y Sombra in der Kleinstadt Uruapán, bedrohte die Gäste und hinterließ die Köpfe von vier männlichen Leichen auf der Tanzfläche. So begann in Mexiko die schreckliche Praxis, verstümmelte Tote öffentlich zur Schau zu stellen; häufig verbunden mit einer Botschaft an den Gegner und an die Bevölkerung.

Auch die Mörder vom 7. September hinterließen eine Notiz. Sie lautete: "La Familia tötet nicht für Geld, sie tötet keine Frauen oder unschuldige Menschen. Es stirbt nur, wer sterben muss. Jeder sollte wissen, dies ist göttliche Justiz."

Göttliche Justiz: Die Familie gebraucht die Wendung häufig. Was der Wille Gottes ist, entscheiden ihre Bosse. Nazario Moreno hat seine eigene religiöse Schrift verfasst, nach deren Geboten sich die Familienmitglieder richten müssen. Drogenkonsum ist ihnen verboten. Gegner zu foltern und zu töten ist erlaubt. Die Einheit der Familie ist der wichtigste Wert, das gemeinsame Gebet so selbstverständlich wie die gemeinsamen Schießübungen.

Nazario "für immer in unseren Herzen"

Michoacán ist ein armer Landstrich, geprägt von Wäldern, Landwirtschaft und Bergbau, und mit direktem Zugang zum Pazifik. Es ist eine widerständige Region, deren Einwohner sich von der Zentralregierung vernachlässigt fühlen. Die Familia Michoacana und die Tempelritter aber kümmern sich um die Leute. Sie bauen Straßen, Schulen und Krankenstationen, geben den Avocadobauern Kredit, unterstützen die Ärmsten und versprechen Schutz vor anderen Kriminellen. Nazario Moreno richtete Suchtkliniken ein und rekrutierte sein Fußvolk unter deren Patienten. Bis heute finden Jugendliche ohne Aussicht auf ein legales Einkommen Arbeit bei der Drogenmafia.

Am 14. Dezember 2010 gab die mexikanische Regierung bekannt, Nazario Moreno sei in der Stadt Apatzingán nach stundenlangen Gefechten zwischen Polizisten, Soldaten und den Killern des Kartells ums Leben gekommen. Apatzingán ist eine Hochburg der Drogenmafia. Im Dezember 2010 aber wollte der Bürgermeister der Stadt ein Zeichen gegen die Gewalt setzen. Er rief die Bevölkerung auf, für den Frieden auf die Straße zu gehen. Tausende erschienen. Doch die Hälfte trug Plakate in Gedenken an Nazario Moreno. Er werde "für immer in unseren Herzen leben", stand auf einem Transparent.

Dahinter steckt eine clevere Markenstrategie, sagt der Wirtschaftsforscher Rodrigo Canales. Er arbeitet an der Management-Fakultät der Universität Yale und ist Spezialist für wirtschaftliche Organisationen. Letztlich funktionieren die Drogenkartelle wie multinationale Konzerne, sagt Canales. Ihre brutale Gewalt sei kein Selbstzweck. Sie diene den Banden lediglich dazu, ihre Märkte, Transportwege und Profite zu schützen.