Eine Frauengruppe in der Demokratischen Republik Kongo vergibt Mikrokredite. © Mika Schmidt/dpa

In weniger als zehn Jahren hat sich der Ruf der Mikrokredite drastisch verschlechtert. 2005 hatten die Vereinten Nationen das Jahr des Mikrokredits ausgerufen. 2006 erhielt der Vater des Mikrokredits, Mohammed Yunus, den Friedensnobelpreis für seine Arbeit. Anfang 2014 dagegen sehen sich Mikrokredite scharfer Kritik ausgesetzt. Ich bin täglich mit diesem Wandel konfrontiert, da ich seit 2005 für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Entwicklung des (Mikro-)Finanzsektors tätig bin.

Die gewandelte Sicht auf Mikrokredite hat politische und mediale Gründe, wurde aber auch durch neue wissenschaftlich-methodische Entwicklungen verursacht. Die These, dass Mikrokredite ein effektives Mittel zur Minderung von Armut seien, beruhte theoretisch auf zwei Argumenten: Erstens auf der von Mohammed Yunus konstatierten "Entfesselung des Unternehmertums", also der Annahme, dass Mikrokredite die Kreditnehmer zu unternehmerischer Tätigkeit motivieren.

Und zweitens auf der These, dass Mikrokredite auch das Sozialkapital der Kreditnehmer aktivieren, denn Mikrokredite werden fast ausschließlich als Gruppenkredite ausgegeben. Die Gruppenmitglieder können sich gegenseitig beaufsichtigen und unterstützen, sowohl bei der Aufnahme als auch bei der Rückzahlung des Kredits. Aus diesem Grund sind Mikrokredite auch deutlich günstiger als die von Geldverleihern angebotenen: Die Zinsraten liegen zwischen 30 und 50 Prozent, anstelle von mehreren Hundert Prozent.

Mikrokredite können daher gewinnbringend in Kleinunternehmen investiert werden, die ansonsten für Kreditgeber nicht profitabel wären. Empirische Untersuchungen aus den 1990er Jahren schienen diese Annahmen zu belegen. Die wohl meistzitierte dieser Studien wurde im Auftrag der Weltbank in Bangladesh durchgeführt und 1998 im angesehenen Journal of Political Economy veröffentlicht.

Mittlerweile gibt es allerdings einen neuen Goldstandard der empirischen Forschung: experimentelle Studien, die mit Zufallsauswahl und Kontrollgruppen arbeiten. Eine Reihe von Forschern hat die früheren Studien zu Mikrokrediten an diesem neuen Standard gemessen. Dabei fanden sie heraus, dass Mikrokredite Armut weit weniger stark mindern als bislang angenommen. Eine systematische Analyse aller bis 2011 verfügbaren Mikrokredit-Evaluierungen kam sogar zu dem Schluss, dass es keinerlei robuste Beweise für armutsmindernde Effekte von Mikrokrediten gibt.

Inzwischen laufen eine ganze Reihe Studien, die den neuen Standards entsprechen. Die Urteile über Mikrokredite fallen dabei meist gemischt aus. Auch die theoretischen Grundannahmen des Mikrokreditwesens wurden teilweise revidiert: Unternehmertum und Sozialkapital spielen eine geringere Rolle als bisher angenommen. Dafür erklärt beispielsweise die Verhaltensökonomie, warum Menschen das Risiko von Überschuldung unterschätzen und oft höhere (Mikro-)Kredite annehmen, als sie schultern können.

Und noch etwas haben die neueren Studien gezeigt: nicht Mikrokredite, sondern Mikroersparnisse wirken sich durchgängig armutsmindernd aus. Das hatten Organisationen wie die GIZ und die Kreditanstalt für Wiederaufbau schon lange angenommen. Die meisten aktuellen Mikrofinanzprogramme für ärmere Länder arbeiten deshalb daran, gut gemanagte Mikrofinanzinstitute aufzubauen, die günstige und sichere Sparanlagen anbieten, meist unter Aufsicht der jeweiligen Landeszentralbank.