ZEIT ONLINE: Herr Primus, das Landgericht München hat entschieden, dass Sie Ritter Sport nicht mehr vorwerfen dürfen, ein Aroma fälschlicherweise als "natürlich" zu kennzeichnen. Eine herbe Niederlage für die Stiftung Warentest, oder?

Hubertus Primus: Wir halten das Urteil für falsch. Nach Ansicht des Gerichts sind offensichtlich auch chemische Verfahren möglich, um aus den Ausgangsstoffen natürliche Aromen herzustellen. Wir sind da anderer Auffassung, das ist in der Aromaverordnung so nicht vorgesehen.

ZEIT ONLINE: Der Aromalieferant von Ritter Sport, Symrise, hat jedoch eidesstattlich versichert, dass das Aroma rein aus natürlichen Stoffen gewonnen wird.

Primus: Für die Deklaration auf der Verpackung ist nicht nur entscheidend, woraus das Aroma gewonnen wurde, sondern auch, welche Verfahren zum Einsatz kamen. Es dürfen nach unserer Einschätzung keine chemischen Prozesse genutzt werden – auch nicht bei der Weiterverarbeitung zu einem Aromastoff. Das lässt die Aromaverordnung nicht zu.

ZEIT ONLINE: Ist das für den Verbraucher wirklich von Relevanz?

Primus: Ja. Der Verbraucher muss wissen, was sich hinter einem natürlichen Aroma verbirgt, welche Prozesse zum Einsatz kamen. Deshalb werden wir auch gegen die Entscheidung des Landgerichts Berufung einlegen. Der Fall muss offensichtlich höchstrichterlich geklärt werden.

ZEIT ONLINE: Was würde es für die Stiftung bedeuten, wenn Sie sich vor Gericht nicht durchsetzen?

Primus: Es ist für das Image eines Unternehmens nie gut, wenn man ein Gerichtsverfahren gegen einen Hersteller verliert. Aber wenn die Entscheidung so rechtskräftig fiele, müssten wir das akzeptieren. Gleichzeitig würden wir aber sehr deutlich machen, was das für den Verbraucher bedeutet. Es geht hier um etwas ganz Grundsätzliches: Was kann der Verbraucher erwarten, wenn er auf der Verpackung "natürliches Aroma" liest? Natur oder doch am Ende nur Chemie.

ZEIT ONLINE: Es ist doch ohnehin so, dass "natürliches Aroma" auf einem Joghurt nicht unbedingt bedeutet, dass da echte Früchte drin sind, oder?

Primus: Ja, aber das ist auch ein großer Missstand. In seiner jetzigen Form hat die Aromaverordnung wenig mit Verbraucherschutz zu tun. Wenn auf einem Produkt "natürliches Erdbeeraroma" draufsteht, kann der Kunde erwarten, dass echte Erdbeeren verarbeitet wurden. Wenn jedoch nur "natürliches Aroma" drauf steht, dann dürfen auch Sägespäne verarbeitet werden? Das darf nicht sein! Aber genau das lässt die Verordnung zu. Niemand, der ein Erdbeerjoghurt mit der Deklaration "natürliches Aroma" kauft, kommt auf den Gedanken, dass hier Sägespäne verarbeitet wurden. Insofern ist ein Rechtsstreit überfällig. Der Verbraucher muss klar wissen, was in dem Produkt ist, das er kauft.