Reduziert man die Welt auf das Naheliegende, dann ist sie ganz einfach. Dann erzählt sich die Geschichte von den Streiks bei Amazon so: Amazon ist der Weltmarktführer im Onlinehandel, der dank seiner marktbeherrschenden Stellung jährlich Milliarden Euro scheffelt, aber nur so ertragreich sein kann, weil sein Geschäftsmodell zu Lasten der Mitarbeiter geht. Der böse Milliardenkonzern beutet seine Mitarbeiter aus, indem er sie schlecht bezahlt, mit strengen Regeln triezt und sich jeglichen Verhandlungsangeboten widersetzt, die ihm die Gewerkschaft ver.di unterbreiten. 

Die nämlich wären in dieser Geschichte die Guten. Die Beschützer der Belegschaft, die für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kämpfen und in Wirklichkeit nur eines wollen: dass gute Mitarbeiter für gute Leistung noch besser bezahlt werden. In Wirklichkeit aber ist die Geschichte von Amazon und der Gewerkschaft ver.di viel komplizierter.

Die interessanteste Figur dabei ist derzeit die Gewerkschaft. Ver.di erfährt nämlich immer mehr Widerstand ausgerechnet aus den Reihen derjenigen, die sie selbst zu beschützen vorgibt: von Amazon-Beschäftigten. Mittlerweile protestieren ebenso viele Mitarbeiter des Unternehmens gegen die Gewerkschaft wie für sie. Rund 1.000 der 23.000 Beschäftigten waren in den Tagen vor Weihnachten auf die Straße gegangen, um für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken.

Die Streiks sowie etliche Veröffentlichungen, die den harten Arbeitsalltag beim Onlineversender schilderten, hatten dem Konzern viel schlechte Presse eingebracht. Inzwischen aber haben Angestellte an den Standorten in Leipzig und Bad Hersfeld über 1.000 Unterschriften gesammelt, mit denen sich Amazon-Mitarbeiter gegen den Kurs der Gewerkschaft stemmen und sich mit ihrem Unternehmen solidarisch erklären.

Kämpft ver.di wirklich uneigennützig für die Beschäftigten?

Auch im Internet haben sich bundesweite "Anti-ver.di"- und "Pro-Amazon"-Gruppen formiert. Denen geht die "negative Berichterstattung" gehörig gegen den Strich, mit der ihr Arbeitgeber als Ausbeuter und Lohndrücker angeprangert wird. Sie wollten sich auch nicht länger dafür rechtfertigen, dass sie überhaupt bei so einem Konzern arbeiteten, so machten sich zahlreiche Mitarbeiter im Internet Luft. Zuletzt riefen Pro-Amazon-Anhänger dazu auf, die Reden der Gewerkschaftsfunktionäre auf der Betriebsversammlung am Dienstag in Koblenz zu boykottieren.

Darauf reagierte auch die Gewerkschaft schon im Vorfeld: Sie hat die Anti-ver.di-Unterschriften als Aktion abgekanzelt, die auf Druck des Amazon-Managements entstanden sei und deshalb nicht glaubwürdig. Die Unternehmensspitze nennt das Unfug und betont, "in keinster Weise involviert gewesen" zu sein. Auch Sandra Münch, die Organisatorin der Unterschriftenaktion in Leipzig, meldete sich daraufhin zu Wort: "Erst wurden über Amazon Unwahrheiten erzählt und nun über uns. Es wird den Beteiligten unterstellt, dass sie nicht alleine denken können und von Amazon gesteuert werden." Nun tobt nicht nur ein Arbeitskampf in den Hallen des Logistikkonzerns, sondern auch ein bizarrer Streit darum, wer dabei welche Interessen verfolgt.