ZEIT ONLINE: Frau Papadopoulos, für Ihr Fotoprojekt The Attendants (deutsch: Die Dienerinnen) haben Sie zahlreiche Prostituierte in Griechenland teils mehrere Monate begleitet. Wann haben Sie das erste Mal erlebt, dass das Geschäft mit käuflichem Sex boomt?

Myrto Papadopoulos: Ich habe bis 2009 einige Zeit in den USA und in Mailand gelebt. Immer wenn ich Nachrichten über meine Heimat sah, war die Hauptschlagzeile: Griechenlands Wirtschaft liegt am Boden. Gleichzeitig gab es aber auch eine weitere Entwicklung: Pornofilme boomten, es gab immer mehr Prostituierte, die Sexindustrie brummte. Da beschloss ich zurückzugehen, um diesen Kontrast zu dokumentieren.

ZEIT ONLINE: Die Krise hat die Prostitution in Griechenland befeuert?

Papadopoulos: Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Krise ist nicht der Grund dafür, dass es in Griechenland Prostitution gibt. Aber die wirtschaftliche Lage und die Armut sorgen dafür, dass der Sektor so rasant wächst.

ZEIT ONLINE: Griechische Frauen finden keine andere Arbeit und müssen deswegen ihre Körper verkaufen?

Papadopoulos: Nein. Mittlerweile kommen die meisten Prostituierten aus dem Ausland, Griechenland dient ihnen als eine Art Eintrittstür zu Europa. Einen Job außerhalb der Prostitution zu finden, ist für diese Frauen nahezu unmöglich. Das sorgt – neben der Krise – für einen enormen Preisabfall: Vor ein paar Jahren hat eine Stunde Sex vielleicht 100 Euro gekostet, heute sind es 50. In Athen bekommt man Oralverkehr für fünf Euro. Fünf Euro!

ZEIT ONLINE: Ihre Fotos sind oft sehr persönlich, sie zeigen die Menschen hinter Lippenstift und Rouge. Was sind das für Frauen, die Sie fotografiert haben?

Papadopoulos: Viele Prostituierte in Griechenland kommen heute aus Nigeria. Die Situation ist ähnlich wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991: Damals wurden auch viele Frauen nach Griechenland in die Prostitution verkauft. Keine der Frauen, die ich getroffen habe, kam aus einem funktionierenden Umfeld. Viele Frauen sind unsicher und arm, Menschenschlepper nutzen das aus und schicken sie nach Griechenland. Dort müssen sie sich dann verkaufen, um zu überleben.

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ZEIT ONLINE: Und die Kunden?

Papadopoulos: Es gibt nicht die eine Wahrheit über Prostitution, jede Frau und auch jeder Kunde hat eine eigene Geschichte. Aber natürlich gibt es die Typen, die in Bordelle gehen, weil sie sich denken: Ich habe mein Geld verloren, ich habe keinen Job mehr, leiste ich mir doch eine Prostituierte für fünf Euro. Es gibt aber auch die reichen Familienväter, die ins Bordell gehen, weil sie es genießen, Frauen zu manipulieren. Viele der Freier, die ich getroffen habe, hatten autistische Verhaltenszüge. Für mich sind beide Opfer: die Frauen und ihre Kunden.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich das Problem eindämmen? Muss Griechenland dafür erst aus der Krise finden?

Papadopoulos: Wir müssen das Thema stärker in die Öffentlichkeit bringen, wir brauchen sexuelle Aufklärung und müssen den Menschen die Not dieser Frauen klarmachen. Denn sie tun das nur, um zu überleben. Und wir müssen die Mentalität der Kunden ändern: Für viele Männer ist es ein Beweis ihrer Männlichkeit, wenn sie keine Kondome benutzen. Die HIV-Infizierungen häufen sich deshalb.

ZEIT ONLINE: Im November haben Sie einige Ihrer Fotos vor dem Europäischen Parlament in Brüssel gezeigt. Hat sich seitdem etwas verändert?

Papadopoulos: Mehr Menschen sind auf das Projekt aufmerksam geworden. Das ist wichtig, denn ich bin davon überzeugt, dass Gesetze nicht von den Politikern eines Landes gemacht werden, sondern von den Bürgern. Zurzeit arbeiten wir an einer Wanderausstellung, die nächsten Januar durch Griechenland ziehen soll. Die Menschen sollen erkennen, was es heißt, als Prostituierte zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie präsent ist Prostitution im griechischen Alltag?

Papadopoulos: Es gibt einige Ballungsräume, vor allem in Athen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele afrikanische Frauen dort auf der Straße stehen. So makaber es klingt: Die Zentren der Prostituierten sind auch die Orte, an denen es noch viel Geld gibt. Die Frauen dürfen nur nichts davon behalten.

Das Fotoprojekt "The Attendants" finden Sie hier.