Als Erstes traf es die Schweizer Universitäten. Eine gute Woche nach Annahme der SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung kam die schlechte Kunde aus Brüssel: Die EU-Kommission setzt die Gespräche über eine weitere Beteiligung der Schweiz am Forschungsprogramm Horizon 2020 aus. Auch über das Austauschprogramm für Studenten, Erasmus Plus, mag sie vorerst nicht mehr diskutieren. Punkt. Schluss.

Nein, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ließ keine Zweifel offen, als er Anfang der Woche das gesamte Schweizer Pressekorps in den 13. Stock des Berlaymont-Gebäudes zum Gespräch lud: Das Verhältnis zwischen der Eidgenossenschaft und Europa ist angeschlagen. Das Votum gegen die freie Zuwanderung von EU-Bürgern, und die Ankündigung des Bundesrats, die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien in der derzeitigen Form nicht zu unterzeichnen, wird Konsequenzen haben.

Nur welche? Und was würden sie für die Schweiz tatsächlich bedeuten?

Für die Uni-Rektoren und ETH-Präsidenten, die tags darauf in Bern zu einer Pressekonferenz luden, sind die Nachrichten aus Brüssel eine mittlere Katastrophe: "Wie, wenn der FC Basel nicht mehr in der Champions League spielen könnte", sagte ETH-Präsident Ralph Eichler. Die Forschungszusammenarbeit mit der EU ist eine (ökonomische) Erfolgsgeschichte für die Schweiz. Für jeden Franken, den sie in den gemeinsamen Topf einzahlt, erhalten die Schweizer Hochschulen einen Franken fünfzig zurück. Wird Horizon 2020 nicht verlängert, wären sowohl prestigeträchtige Megaprogramme wie das Human Brain Project an der ETH Lausanne gefährdet, also auch unzählige kleinere Forschungsprojekte einzelner Wissenschaftler. Und das Vertrauen in den Forschungsplatz würde "nachhaltig erschüttert", schreiben die Hochschulchefs in einem offenen Brief an den Bundesrat.

Die Unsicherheit nimmt zu

Nervosität herrscht aber nicht nur in den universitären Elfenbeintürmen. Auch die Filmbranche macht sich Sorgen. Die EU will keine Verhandlungen über eine Beteiligung der Schweiz am sogenannten Media-Abkommen führen. Dank ihm kommen hiesige Kinos und Filmproduzenten in den Genuss von europäischen Fördergeldern. Damit könnte noch im laufenden Jahr Schluss sein – die Leinwände bleiben dunkle.

Miteinander gesprochen haben die EU-Kommission und der Bundesrat seit der Abstimmung am 9. Februar allerdings noch nie. Sie kommunizieren bisher nur über die Medien – und beziehen ihre Positionen für allfällige, kommende Verhandlungen.

Untätig blieben die Schweizer jedoch nicht. Außenminister Didier Burkhalter reiste anfangs auf einer Goodwill-Tour nach Berlin und Paris, wo er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius traf. Die Töne aus den Hauptstädten der beiden Nachbarländer klangen ungleich versöhnlicher, als jene aus Brüssel. Angela Merkel zeigte sich geradezu milde gegenüber der Schweiz, sie äußerte sich nur vage zur juristischen Unvereinbarkeit zwischen freiem Personenverkehr und Zuwanderungskontingenten. Deutschland werde sich bei der EU für "vernünftige Lösungen" einsetzen. Und Merkel spielte, was den Schweizer Außenminister besonders gefreut haben dürfte, auf Zeit – es bleiben schließlich drei Jahre, bis die Initiative umgesetzt sein muss.

Wohlstand in Gefahr

So sind in Woche zwei nach Annahme des SVP-Volksbegehrens die meisten Fragen weiter offen.

Dieser Schwebezustand mag für die Politik auszuhalten sein, für die Wirtschaft hingegen ist er Gift. Schon kurz nach der Abstimmung prophezeite die Credit Suisse, dass in der Schweiz den kommenden drei Jahren 80.000 Jobs weniger geschaffen würden. Und am Mittwoch veröffentlichte der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg die Resultate einer Umfrage unter 21 Anlageökonomen, die sich mit der Schweiz beschäftigen. Für 16 von ihnen ist die Annahme der SVP-Initiative eine Gefahr für den Wohlstand des Landes.

Ob die Schweiz am 9. Februar tatsächlich "kollektiven Selbstmord" beging, wie der französische Industrieminister Arnaud Montebourg in einer Radiosendung behauptete, wird sich weisen. Klar ist: Es kommen ungemütlichere Zeiten auf das Land zu.