Alice Schwarzer © Timur Emek/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Grünwald, Sie gelten als guter Kenner der deutschen Mentalität. Wie sehen wir das Steuerzahlen: als lästige Pflicht oder Beitrag zur Solidargemeinschaft?

Stephan Grünewald: Für jeden persönlich ist das erst einmal eine lästige Pflicht. Aber den Deutschen sind auch die großen Aufgaben bewusst, die der Staat heute schultern muss. Seit der Finanzkrise wächst die Sehnsucht nach einem starken Staat, der sich der Willkür der Banken entgegenstemmt. Gegen die ungezügelte Gier Einzelner soll eine Solidargemeinschaft stehen auf die man sich verlassen kann. Das allgemeine Bewusstsein ist daher: Hier muss jeder Opfer bringen.

ZEIT ONLINE: Wie wirken da die Straftaten von prominenten Steuerhinterziehern wie Alice Schwarzer?

Grünewald: Wenn man erlebt, dass sich vermeintliche Vorbilder nicht an die Spielregeln halten, stellt man sich die Frage: Warum soll ausgerechnet ich es noch? Diese Zweifel nagen an der Solidargemeinschaft. Jede Gesellschaft gründet sich in einer Idee der Gerechtigkeit. Alle haben die gleichen Rechte, aber auch alle müssen einen Verzicht leisten, zum Beispiel durch Steuerzahlungen. Psychologisch betrachtet sind die Steuern Opferleistungen, die man erbringt, damit der Staat die Gegenwartsaufgaben erfüllen und die Zukunft sichern kann. Wenn man dann persönlich sein Steueropfer bringt, dann möchte man auch, dass alle diesen Verzicht leisten – vor allem die Besserverdienenden.