Ein Mädchen läuft an einem Gebäude in Lubango, Angola, vorbei. © Finbarr O'Reilly/Reuters

José Macedo kam in Angola zur Welt, als es noch Teil Portugals war, vierzehnmal so groß wie das Mutterland. Wegen des Kolonialkriegs zog die Familie nach Europa zurück, eine Vorhut der 850.000 Portugiesen, die später aus den Kolonien heimkehrten, der größte Exodus der zweiten Jahrhunderthälfte. Die meisten kamen im Flugzeug zurück, viele segelten in selbstgemachten Schiffen nach Hause, prekärer als die Seefahrer ein halbes Jahrtausend zuvor. 1974 wohnte José in Lissabon und druckte Pamphlete, er sollte sich nie wieder so lebendig fühlen. Jeden Tag geschah etwas Neues, es war die Zeit der Nelkenrevolution. Nach 48 Jahren ging die Diktatur in Portugal zu Ende, nirgends waren Faschisten länger an der Macht gewesen. Bekannte waren von der Geheimpolizei gefoltert, andere ins Hinterland Angolas geschickt worden, wo der Bürgerkrieg besonders grausam war.

Wenn man darauf achtet, sieht man noch heute viele Alte, die mit Prothesen durch Lissabon staksen, im Gesicht einen Ausdruck von strapazierter Würde. Portugal ist eine alte, strapazierte Gegend. Seit die Wirtschaftskrise begann, sind jedes Jahr 100.000 Leute ausgewandert, oft waren sie jung. Auch José und seine Frau Manuela, beide Mitte fünfzig, gingen fort, allerdings schon zwei Jahre davor, eine Vorhut der 350.000 Portugiesen, die in Angola heute ihr Glück suchen. Während die Zeitungen voller Artikel über Schiffbrüchige im Mittelmeer sind, in denen es heißt, Europa könne keine Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika mehr aufnehmen, fliegen Hunderttausende Wirtschaftsflüchtlinge von Lissabon nach Luanda, für Ausländer zurzeit die teuerste Stadt der Welt.

In Luanda ist es wie im Innern eines Motors. Die Straßen, bald aufgeplatzter Teer, bald aufgewirbelter Staub, sind immer verstopft. Trotzdem werden jeden Tag zwölf Leute totgefahren. Jeder zweite Wagen ist ein Jeep, für mehrere Tausend Dollar aus Europa eingeflogen, Statussymbol mit Vierradantrieb und einziges Vehikel, mit dem man über die zum Teil noch immer zerstörten Straßen im Landesinnern kommt. Im angolanischen Portugiesisch bedeutet Bomba de Gasolina, Tankstelle, auch Herz. Erdöl ist Angolas Blut. Kein Rohstoff ist so wichtig. Sogar die Junkies sind in dieser Hinsicht Patrioten. Sie liegen überall neben den Straßen, schlafen den Rausch aus. Ihre Droge ist Benzin. Wer einen Lappen tränkt und daran riecht, verliert das Gleichgewicht.

Der Artikel stammt aus dem Magazin "Reportagen". Sechs Mal pro Jahr berichten herausragende Autorinnen und Autoren wahre Geschichten aus dieser Welt. "Reportagen" ist im Buchhandel, an großen Kiosken und gut sortierten Verkaufsstellen zu erhalten.

In Luanda ist es wie im Innern eines Generators. Der Strom fällt jeden Tag aus. In der Nacht erlöschen die Laternen, die dafür tagsüber immer brennen. Dann springen Millionen von Generatoren an. Die Luft ist so dick, dass ich manchmal, wenn ich den Notizblock hervorholte, nicht mehr wusste, was ich hatte aufschreiben wollen. Wer in der Nacht die Straße hochgeht, sollte den Gehsteig meiden. Er ist voller Löcher, die man in der Dunkelheit nicht sieht. Das einzige Licht kommt von den Scheinwerfern der Autos und von den flimmernden Fernsehern, die Wachleute auf die Straße stellen, um die Zeit ihrer Schicht etwas zu beschleunigen. Wer eine Melone kauft, zahlt auch mal hundert Dollar, wie ein Geschäftsmann aus Frankreich im Supermarkt Casa dos Frescos. Sie schmeckte ihm nicht, er ging vor Gericht und klagte wegen Wuchers. Der Richter machte kurzen Prozess – aus Mangel an Beweisen: Die Melone hatte der Mann bereits gegessen.

Alle fünf Meter steht ein Verkäufer an der Straße. Die Autofahrer können hier Klobrillen kaufen, Plastik-Gorillas, Büstenhalter, Weihnachtsbäume, Duschbrausen, Bügeleisen, Feuerlöscher oder eine Flasche Mineralwasser aus Portugal, Água das Pedras. Ein Verkäufer in Kindersandalen bietet Stöckelschuhe an. Ein Verkäufer in zerfetztem T-Shirt trägt an jedem Finger einen Kleiderhaken, daran schillernde Glitzertops. Es ist eine gute Idee, die Straße zum Einkaufszentrum zu machen. Läden gibt es fast keine, und die meisten Shoppingcenter befinden sich im Süden, im größten davon ist auch das einzige Kino der Stadt untergebracht.

Mit 150 durch Angola

José Macedo ist ein fülliger Mann, der immer schwitzt und immer stöhnt, wenn er einen Raum mit Klimaanlage betritt. Er ist Betriebswirt und arbeitet als Geschäftsführer einer Molkerei, die 250 Leute beschäftigt und manchmal auch nicht beschäftigt. Es ist fast unmöglich, Leute zu feuern. Sie kommen zur Arbeit, wenn ihnen danach zumute ist. In ein paar Tagen wird auch José nicht im Geschäft auftauchen. Er wird nach Lubango im Süden des Landes reisen, um einen Preis zu übergeben, den er gestiftet hat. Am Steuer wird wie immer sein Chauffeur sitzen, Sebastião. Auf der Rückbank José und Manuela, nach all der Zeit noch neugierig auf die Veränderungen in Angola. Auf dem Beifahrersitz ich, meist mit einem Auge auf dem Tacho. Sebastião wird mit 150 Kilometern in der Stunde durch sein Land rasen und durch seine Vergangenheit: fünf Jahrhunderte Kolonialherrschaft, 13 Jahre Unabhängigkeitskrieg, 27 Jahre Bürgerkrieg, 12 Jahre Frieden.

Vor der Abfahrt lerne ich Paulo dos Santos kennen, der Josés Auto für die Reise sauber machte und dabei sogar die Reifen schrubbte. Paulos Sandalen könnten seiner Tochter gehören, sie sind rosafarben und zu klein. Das T-Shirt könnte er von seinem Sohn geliehen haben, es ist eng und von der Brust grinst ein Frosch. Nachdem er mit einem Lappen über die Scheiben gefahren war, putzte er sich damit auch das Gesicht. Dann erzählte er, wie er nach Luanda gekommen war: als blinder Passagier.

Paulo ist 32, doch er sieht aus wie 23. Wenn er kein Geld für die Miete hat, schläft er im Keller von Josés Haus, er hat dort eine Gummimatte. Seine Frau und die beiden Kinder ziehen dann jeweils zu den Nachbarn. Unter der Woche steht Paulo um fünf Uhr auf und nimmt ein Sammeltaxi. Viermal muss er umsteigen, fünfmal muss er zahlen, bis er an der Rua Marien N'Gouabi eintrifft. Die Fahrer der Taxis dürfen den Preis nicht erhöhen, deshalb verkürzen sie die Strecken.

Paulo sagt, dass er sich eine Stelle mit Arbeitsvertrag wünsche. Doch als ihm eine Frau aus dem dritten Stock einen Job als Gärtner anbot, lehnte er ab. Er verdient mehr, wenn er Autos wäscht. Dafür nimmt er in Kauf, dass er an Regentagen nichts bekommt. In Luanda haben nur wenige einen Vertrag. Als sich die Portugiesen vor vierzig Jahren zurückzogen, konnte von zehn Angolanern nur einer lesen. Dann vertagte der Bürgerkrieg die Zukunft. Die meisten guten Stellen gehen heute an Ausländer. Paulo hat einen der drei Jobs, an die gewöhnliche Angolaner herankommen: Autos waschen, Häuser bewachen, Dinge schleppen.

Paulo war zehn, zwei Brüder und eine Schwester waren im Krieg gestorben, der Vater unter einen Lastwagen geraten, die Mutter wahnsinnig geworden. Paulo arbeitete im Hafen von Benguela, bis er auf ein Frachtschiff schlich. Er versteckte sich unter einem Hühnerkäfig und fuhr nach Luanda. Er hatte oft von der Stadt gehört. Der Krieg verschonte sie. Deshalb wuchs sie so schnell: eine halbe Million Einwohner zur Zeit der Unabhängigkeit, sechs Millionen heute.