Schaut man nur auf die Statistik, scheint Deutschland eine Insel der Seligen. Seit Jahren ist die offizielle Arbeitslosenzahl stabil niedrig. Derzeit seien 7,3 Prozent aller Erwerbspersonen (also Arbeitnehmer und Arbeitslose zusammengenommen) ohne Stelle, meldete die Bundesagentur für Arbeit im Januar. Rechnet man die saisonbedingte Arbeitslosigkeit heraus – also Bauarbeiter oder Arbeitskräfte aus der Tourismusbranche, die im Winter vorübergehend ohne Erwerb sind – sinkt die Quote sogar auf 6,8 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet die Bundesregierung einen Beschäftigungsrekord.

Paradiesische Zustände, verglichen mit anderen Staaten Europas, doch die offiziellen Zahlen haben nur begrenzte Aussagekraft. Die Arbeitslosenquote ignoriert jene, die in Fördermaßnahmen der Agentur für Arbeit stecken. Sie zählt nicht die Resignierten, die schon lange nicht mehr nach einer Stelle suchen, und sie sagt nichts über die Arbeitsbedingungen derer, die einen Job haben. Wir wollten deshalb von Ihnen wissen: Was steckt hinter der Statistik? Wie empfinden Sie die aktuelle Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Wie sicher ist ihr Job? 

Viele Leser haben uns geschrieben, andere kommentierten unter unserem Aufruf oder in den sozialen Netzwerken. Wir bekamen ganz unterschiedliche Antworten. Repräsentativ sind sie natürlich nicht. Aber einige Dinge fielen auf:  

"Hier gibt es Arbeit ohne Ende"

Rundum positiv äußerten sich nur wenige. Aus dem Rhein-Main-Gebiet schrieb uns ein Leser, es gebe dort "Arbeit ohne Ende. Quasi Vollbeschäftigung. Wer will, kriegt immer eine Fortbildung, nur damit man bleibt". Es gebe kaum Leiharbeitsfirmen, die Löhne seien hoch, die Lebenshaltungskosten ebenso. "Trotzdem ist die Stimmung gut."

Die meisten aber berichteten von sinkenden Löhnen und unsicheren Arbeitsverhältnissen; wenn sie diese nicht selbst erlebten, dann im Bekanntenkreis. Fast alle Mails kamen von hochqualifizierten Leuten: Studenten und Akademikern, zum Teil mit mehreren Berufsausbildungen und langer Auslandserfahrung. Manche waren trotz ihrer Qualifikationen arbeitslos, andere hangelten sich von einer befristeten Stelle zur nächsten, immer unter Druck und schlechter bezahlt als die fest angestellten Kollegen.

"Ich denke, der Knackpunkt liegt in der Moral der Arbeitgeber", schrieb eine Leserin. "Die Luft wird dünner, die Gesellschaft rücksichtsloser."

Ein Teil der Mails kam aus Krisenbranchen wie den Medien. Aber selbst Ingenieure berichteten von Schwierigkeiten bei der Stellensuche. Andere kamen erst durch Umwege zum sicheren Job. So wie der Koch, der zuerst Karriere als Restaurantleiter machte und dann eine Stelle annahm, die sich als Flop entpuppte. Nach längerer Arbeitslosigkeit schult er jetzt um zum Erzieher: "Es ist beruhigend zu wissen, dass ich nach der Ausbildung die Wahl haben werde, wo, für wen und wie ich arbeiten möchte", schrieb er. Er habe seinen Traumjob gefunden.

Noch etwas fiel auf: Die Unternehmen scheinen immer speziellere Anforderungen an Bewerber zu stellen – und nur selten bereit zu sein, für die Schulung neuer Angestellter eigenen Aufwand zu betreiben. Dass überqualifizierte Bewerber oft von vornherein aussortiert werden, scheint kein Widerspruch. Ein Fachkräftemangel existiere nur für "fachlich eng begrenzte, eingeschränkte Prozessschrittabarbeiter", schrieb ein Leser, nach eigenen Angaben selbst hochqualifiziert und mit Managementerfahrung. Für "praxiserfahrene ausgereifte Talente" hingegen sehe er nur wenig Hoffnung. 

Wir haben mit sieben Lesern gesprochen und ihre Geschichten protokolliert; Sie lesen sie auf den folgenden Seiten. Sie können uns auch immer schreiben: per E-Mail an arbeitsmarkt@zeit.de.