Ein Mann sammelt am Hauptbahnhof in Heidelberg Flaschen aus einem Papierkorb. © Christian Jung/dpa

In keinem anderen Euro-Land ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Schere zwischen denen, die viel Geld besitzen und denen, die gar keines haben, wird dabei immer größer, wie die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt demnach ein persönliches Vermögen im Wert von mindestens 800.000 Euro. Dagegen verfügt gut ein Fünftel aller Erwachsenen über gar kein Vermögen. Bei rund sieben Prozent seien die Schulden größer als der Besitz.

Studienautor Markus Grabka geht davon aus, dass seine Ergebnisse dabei nur einen Teil der Realität abbildet. Die Wirklichkeit sehe noch verheerender aus, sagt er. Man müsse davon ausgehen, dass die Stichprobe das Ausmaß der Vermögensungleichheit unterschätzt, weil ganz besonders Vermögende wie Multimillionäre oder Milliardäre fehlten. Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Vermögensungleichheit misst und international vergleichbar macht, liegt in Deutschland bei 0,78. Bei einem Wert von eins ist die Ungleichheit maximal, bei Null minimal ausgeprägt. Zum Vergleich: In Frankreich liegt der Wert bei 0,68, in Italien bei 0,61.

Drastisch ist es für Arbeitslose bergab gegangen. Lag das durchschnittliche Nettovermögen 2002 noch bei etwa 30.000 Euro, sind es zehn Jahre später nur noch 18.000 Euro. "Das ist die einzige soziale Gruppe, die in den letzten zehn Jahren signifikant Vermögen eingebüßt hat", sagt Grabka, der die Ursache in den Hartz-IV-Gesetzen sieht. Bevor Arbeitslosengeld II ausgezahlt wird, muss in Deutschland der größte Teil des privaten Vermögens aufgebraucht sein. Die Folge: Fast zwei Drittel der Menschen ohne Arbeit hatten im Jahr 2012 unter dem Strich kein Vermögen oder sogar Schulden.

"Nicht nur ungerecht und unsozial, sondern geradezu obszön"

Nach den aktuellen Zahlen, die sich auf das Jahr 2012 beziehen, haben Männer mehr Vermögen als Frauen, und Menschen im Westen Deutschlands mehr als doppelt so viel Geld wie diejenigen in den neuen Bundesländern. Das durchschnittliche Nettovermögen der Westdeutschen lag laut der Studie 2012 bei 94.000 Euro, im Osten bei 41.000 Euro. Männer besaßen im Schnitt 97.000 Euro, Frauen 27.000 weniger.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnte vor einer Gefährdung des sozialen Friedens in Deutschland. "Die Vermögensschere in Deutschland ist nicht nur ungerecht und unsozial, sondern geradezu obszön", sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Die Reichen würden immer reicher und die Armen immer mehr. Er forderte die Bundesregierung zu einem rigorosen steuerpolitischen Kurswechsel auf. "Die große Koalition darf die Augen vor der drastischen Vermögensungleichheit in der Bundesrepublik nicht länger verschließen." Die Zahlen würden belegen, dass sich die Bundesregierung auf einem steuerpolitischen Irrweg befinde, so Schneider. Sehr hohe Einkommen und Vermögen müssten zur Finanzierung sozialer Reformen schnellstmöglich herangezogen werden.