Es ist noch nicht lange her, da war Strom ein sicheres Geschäft. Zwischen 2002 und 2012 verdoppelten die zehn größten Stromkonzerne Europas ihre Umsätze – trotz Finanzkrise und tief greifender Veränderungen auf den Energiemärkten. Sogar die US-Konzerne hängten sie ab.

Mittlerweile aber steht ihr Geschäftsmodell auf unsicheren Beinen – und das haben die Konzerne vor allem sich selbst zuzuschreiben. Zu diesem Ergebnis kommt die Greenpeace-Studie Gefangen in der Vergangenheit. Warum Europas große Energieunternehmen die Zukunft fürchten, die am Donnerstag vorgestellt wurde. Der Vorwurf von Greenpeace: Obwohl den Stromkonzernen ausreichend Kapital zur Verfügung stand, investierten sie zu wenig in die erneuerbaren Energien.

Derzeit produzieren die zehn größten Versorger Europas mehr als die Hälfte des europäischen Stroms. Aber nur ein sehr geringer Anteil davon, etwa vier Prozent, stammt laut Studie aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind – Wasser ist hier nicht mit einberechnet. Aus der Sicht von Gyorgy Dallos, Energieexperte bei Greenpeace International, ist das nicht nur schlecht für Klima und Umwelt, sondern vor allem für die Stromkonzerne selbst.

In seinem Report geht Dallos davon aus, dass sich Investitionen in Öl und Gas auf lange Sicht nur noch begrenzt lohnen. Die Zukunft sieht Dallos vielmehr in den Ökoenergien. Er stützt seine Argumentation mit den Aktienkursen der vergangenen Jahre. Seit 2008 sei der Börsenwert der großen Versorger um etwa die Hälfte gesunken. Nicht nur Aktionäre hätten verloren, sondern auch die Regierungen, die teilweise hohe Anteile an den Stromkonzernen hielten.

Ironischerweise belaste ausgerechnet das Geschäft mit der Stromerzeugung die Bilanzen schwer –  und das, obwohl das Segment "traditionell eine Goldmine" sei. Investitionen in Ökoenergie hingegen hätten sich als relativ rentabel erwiesen.  

Die meisten großen Energieversorger sehen das anders. Sie messen Kohle oder Gas gerade wegen der steigenden Bedeutung der erneuerbaren Energien eine wachsende Bedeutung zu: Die fossilen Kraftwerke sollen den Bedarf decken, wenn Sonne oder Wind nicht genug Elektrizität liefern können. Entsprechend gestalten sie ihren Kraftwerkspark. 

Strom aus Wind und Sonne spielt kaum eine Rolle

RWE erzeugt etwa fast 80 Prozent seines Stroms aus fossilen Energieträgern. Nur 5,5 Prozent stammen aus den Erneuerbaren. Der Anteil der Wasserkraft liegt im RWE-Strommix bei 1,8 Prozent. Konkurrent E.on gewinnt immerhin 12,2 Prozent aus Erneuerbaren, davon exakt neun Prozent aus Wasserkraft. EnBW aus Süddeutschland kommt ebenfalls auf 12,2 Prozent Ökostromanteil, aber der Anteil der Wasserkraft ist mit 10,8 Prozent noch höher. Die Zahlen zeigen: Wind und Sonne spielen kaum eine Rolle. Wasserkraft ist eine seit Jahrzehnten etablierte Energieform, die wegen hoher Naturschutzauflagen nur bedingt ausbaubar ist.           

Im vergangenen Jahrzehnt haben die europäischen Energiekonzerne vor allem in die Fossilen investiert. Sie bauten Gas- und Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 85 Gigawatt auf. "Sie haben große Summen investiert", schreibt Dallos in seiner Studie. "Aber statt ein neues Geschäftsmodell aufzubauen, haben sie das Gegenteil getan."

Die Strategie könnte riskant sein: Analysten gingen mittlerweile von einem Überangebot an fossiler und nuklearer Stromerzeugung aus. Alleine um ihre Gewinne des Jahres 2012 zu halten, müssten die Versorger zufolge Kraftwerkskapazität in Höhe von etwa 50 Gigawatt stilllegen.  

Mehr Konkurrenz

Zudem erhöht sich der Konkurrenzdruck für die etablierten Versorger. Die Politik fördere dezentrale Ökoenergien – so entstehe eine neue Klasse von Stromerzeugern: Bauern, Kooperativen und Banken, die viel mehr Ökostrom erzeugten als die etablierten Konzerne selbst. Diese neuen Player machen den großen Konzernen Konkurrenz. Das zeigt die Situation in Deutschland: Dort habe der Anteil von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW an der konventionellen Energieerzeugung im Jahr 2011 etwa 74 Prozent betragen. Doch ihr Anteil an der Ökostromproduktion ohne Wasserkraft liege nur bei 6,5 Prozent. Seither sei die Quote noch gesunken.

Kleinere Unternehmen aus dem Ausland machten vor, wie der Wandel gelingen könnte, so Greenpeace. Dallos nennt Dong Energy aus Dänemark und EDP aus Portugal als Beispiele, die etwa stärker auf Ökostrom setzten. Andere Versorger versuchten, mit den privaten Stromerzeugern ins Geschäft zu kommen oder Speichermöglichkeiten für Wind- und Sonnenenergie bereitzustellen.