Nach Jahren der Stagnation nimmt die britische Wirtschaft wieder Fahrt auf. Das zumindest könnte man denken, wenn man sich die kürzlich veröffentlichten Wirtschaftszahlen anschaut. Das Bruttoinlandsprodukt wächst um jährlich drei Prozent, die Inflationsrate liegt bei der Zielmarke von zwei Prozent und die Arbeitslosenquote sinkt auf nunmehr 7,1 Prozent. Großbritannien wächst zurzeit schneller als fast alle anderen Industrienationen. 

Das sind gute Nachrichten für ein Land, das wegen der großen Abhängigkeit von der Finanzwirtschaft seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise arg gebeutelt war.

Über die Nachhaltigkeit und die Gründe für diesen Aufschwung sowie über die Rolle der britischen Regierung sollten aber keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Hier gibt es noch massive Probleme. Und die Regierung hat in diesem Zusammenhang bestenfalls eine ambivalente Rolle gespielt.

Wie von den meisten Ökonomen erwartet, führten die massiven Einschnitte im öffentlichen Bereich zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums, zumal sie zu Zeiten passierten, in denen viele Unternehmen und Privathaushalte ihre Ausgaben ebenfalls reduzierten. Dies ist einer der wichtigsten Gründe, warum im Gegensatz zu fast allen anderen Industrieländern die britische Wirtschaft nicht an die Rekordwerte vor der Krise anknüpfen kann. Das Bruttoinlandsprodukt lag im vierten Quartal 2013 immer noch 1,3 Prozent niedriger als im ersten Quartal 2008, dem bisherigen Höchststand.

Das Regierungsziel, das jährliche Haushaltsdefizit bis zur nächsten Wahl zu eliminieren, wird nicht erreicht werden. Die guten Wirtschaftszahlen als Bestätigung der Austeritätspolitik zu deklarieren, ist daher fehl am Platz. Die wirtschaftliche Erholung kommt trotz und nicht wegen der Politik des Kürzens.

Es wäre aber falsch zu sagen, dass die Regierung zum neuen Aufschwung nichts beigetragen hat. Die Triebkräfte sind insbesondere steigende Immobilienpreise in London und im Umland. Dazu kommen die steigenden Ausgaben der Privathaushalte.

Der britische Wirtschaftsminister Vince Cable hat kürzlich in einer Rede selbst zugegeben, dass es große Fragezeichen hinter dem Aufschwung gebe. Die Regierung ist an der Situation nicht unschuldig, weil sie durch das Förderprogramm Help to buy auch Menschen mit nur einem Startkapital von fünf Prozent des Gegenwertes den Zugang zum Immobilienmarkt eröffnet hat. All das führt zu höheren Preisen und höherer privater Verschuldung. Man muss daher fragen, wie nachhaltig das momentane Wachstum ist. Selbst die Exportstärke der britischen Wirtschaft hat sich nicht merklich gebessert – obwohl das britische Pfund um 25 Prozent abgewertet hat. Auch die Investitionsausgaben lahmen weiterhin.

Reallöhne sinken seit Jahren

Dazu gesellt sich eine große politische Auseinandersetzung über die Verteilung der neuen Wachstumsgewinne. Die oppositionelle Labour-Partei weist regelmäßig auf eine "Krise der Lebenshaltungskosten" hin. In der Tat sind in den vergangenen Jahren die Preise stärker als die Löhne und Gehälter gestiegen. Viele Briten haben deshalb eine Erosion ihres Lebensstandards erlebt. Die Frage ist daher: Wie profitiert auch die breite Bevölkerung von dem Wachstum und nicht nur ein kleiner Teil der Gesellschaft?

Angesichts der Entwicklungen sind die jüngsten Erfolgsmeldungen aus dem Vereinigten Königreich zwar zu begrüßen, aber mit Vorsicht zu genießen. Noch immer ist die britische Wirtschaft übermäßig abhängig vom Finanzsektor, die geplante Restrukturierung ist noch nicht weit vorangeschritten. Analysten sprechen bereits von der "typisch britischen Erholung": Sie basiert auf einem überhitzten Immobilienmarkt und konsumptiven Ausgaben. Das aber kann leicht wieder zu neuen Problemen führen

Die beste Strategie wäre, die jetzigen Wachstumsimpulse zu nutzen, um die notwendige Restrukturierung der britischen Wirtschaft zu befördern. Ob das in diesem Jahr geschieht darf bezweifelt werden. Die Diskussionen über die Zukunftsfestigkeit der britischen Wirtschaft werden aber weitergehen, nicht zuletzt weil die Bürger im Frühjahr des nächsten Jahres zur Parlamentswahl aufgerufen werden. Und dann entscheiden die Briten auch über den weiteren wirtschaftspolitischen Kurs.