Am Dienstag wirken sie nach dem Gespräch mit Gröhe erleichtert. Man habe Anlass zur Hoffnung, sagte Martina Klenk, die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands: "Ab dem Sommer 2014 soll es eine kurzfristige Lösung geben, um die Kosten für die Haftpflicht auszugleichen." Gesundheitsminister Gröhe betonte nach dem Treffen etwas wortkarg, dass für ihn die Anliegen der Hebammen "große Dringlichkeit" hätten.

Über konkrete Lösungsvorschläge spricht der Minister nicht. Dabei ist das Problem schon lange bekannt. Seit Jahren schon klagen die Hebammen über die steigenden Versicherungsprämien. Die Versicherungswirtschaft argumentiert, dass die Kosten immens gestiegen sind: Es gebe zwar nicht mehr Komplikationen – im Schnitt werden dem Deutschen Hebammenverband jährlich rund 100 Schadensfälle gemeldet. Aber jeder Fall wird wegen des medizinischen Fortschritts und einer höheren Lebenserwartung immer teurer.

Zwischen 2003 und 2012 seien die Kosten für schwere Geburtsschäden um fast 80 Prozent gestiegen, so der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Im Schnitt leiste ein Versicherer bei einem schweren Fall rund 2,6 Millionen Euro. Dazu kommen die Schadenersatzansprüche der Krankenversicherungen, die sich bei den Hebammen ihre Kosten zurückholen. Sie machen inzwischen rund ein Viertel der gesamten Schadenszahlungen aus. Wegen der Angst vor Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe habe sie ihr Privatvermögen ihrem Ehemann überschrieben, erzählt eine Hebamme.

Kaum noch Anbieter   

Bislang bieten zwei Versicherungskonsortien den Hebammen über ihren Verband noch eine Haftpflichtpolice an – allerdings nur als Gruppe, alleine ist Versicherungskonzernen das Risiko zu groß. Doch nach dem Rückzug der Nürnberger Versicherung stehen die R&V und die Versicherungskammer Bayern alleine als Anbieter da. Die Allianz, Deutschlands größer Versicherungskonzern, bietet Hebammen zwar direkt Verträge an, ist aber wegen der "risikoadäquaten Prämien" viel zu teuer, sagen die Hebammen. 

All das führt zur einer absurden Situation: Der Gesetzgeber garantiert werdenden Müttern die Wahlfreiheit, ob sie ihr Kind im Krankenhaus, zu Hause oder im Geburtshaus zur Welt bringen wollen. Doch weil immer mehr Hebammen nicht mehr freiberuflich arbeiten, gibt es diese Wahlfreiheit schon heute nicht mehr.

Sylter Mütter müssen für die Geburt aufs Festland reisen

Für Aufsehen sorgten die Nordseekliniken auf Sylt, die ihre Geburtsstation Anfang des Jahres geschlossen haben – auch, weil sich keine Beleghebammen und Belegärzte für den Betrieb mehr fanden. Schwangere Insulanerinnen müssen nun einige Wochen vor dem Termin aufs Festland reisen. In Bayern arbeiten laut einer aktuellen Erhebung der Hebammen sogar 89 der 119 Geburtskliniken mit freiberuflichen Beleghebammen zusammen. Sie betreuen dort mehr als die Hälfte der Geburten.  

Dass es den politischen Willen gibt, eine Lösung für die Hebammen zu finden, bezweifelt niemand. Doch wie genau eine neue Berufshaftpflicht aussehen könnte, das scheint allen Beteiligten noch unklar zu sein. Seit vier Jahren befasst sich eine interministerielle Arbeitsgruppe mit dem Thema. Sie soll in den kommenden Wochen Lösungen vorschlagen. Auch ein Fonds ist im Gespräch, in den am Ende auch Steuergelder fließen könnte. Die Hebamme Janka Kreye aber klingt ziemlich hilflos. "Eine Geburt kann man eben nicht versichern", sagt sie, "genauso wie man das Leben nicht versichern kann."