ZEIT ONLINE: Herr Sutter, Sie behaupten, wir haben eine entscheidende Kategorie vergessen, wenn wir erklären wollen, warum manche Menschen erfolgreicher sind als andere: die Fähigkeit, sich zu gedulden. Was ist das: Geduld?

Matthias Sutter: Geduld bedeutet für mich: Jemand ist imstande, dem Impuls zu widerstehen, sich sofort etwas Gutes zu tun, weil er durch Abwarten auf lange Sicht mehr erreichen kann.

ZEIT ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Sutter: Geduldsfragen spielen in unserem Alltag eine große Rolle: Breche ich mein Studium ab und verdiene jetzt schon Geld – oder halte ich durch und verdiene später mehr? Kaufe ich heute das Sofa auf Kredit oder warte, bis ich es mir selbst leisten kann, ohne Zinsen zu zahlen? 

ZEIT ONLINE: Was ist denn falsch daran, die schönen Dinge des Lebens so schnell wie möglich haben zu wollen?  

Sutter: Im Prinzip nichts. Ungeduldige Menschen aber neigen dazu, die Folgen des eigenen Handelns für die Zukunft zu unterschätzen. Sie geben schneller ihr Geld aus, machen mehr Schulden und können mit höherer Wahrscheinlichkeit ihre Schulden nicht zurückzahlen. Alles nur deshalb, weil sie dem Impuls schlecht widerstehen können, etwas sehr schnell haben zu wollen.

ZEIT ONLINE: Und geduldige Menschen sind da vorsichtiger?

Sutter: Tendenziell schon. Wir wissen aus Studien, dass geduldige Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit bessere Bildungsabschlüsse erwerben, mehr verdienen, seltener Alkoholiker oder spielsüchtig werden und stabilere Beziehungen führen. Geduld kann glücklich machen. Wer von Kind an gelernt hat, geduldiger zu sein, ist später insgesamt ein zufriedenerer Mensch.

ZEIT ONLINE: Und womöglich ein ziemlicher Langweiler. Was ist mit dem guten alten Ratschlag der Rock 'n' Roll-Bewegung: "Live fast, die young"?

Sutter (lacht): Ich wage ernsthaft zu bezweifeln, dass geduldige Menschen ein langweiligeres Leben führen. Wir wissen zum Beispiel, dass geduldige Menschen weitaus zufriedener sind mit ihrer Arbeit als ungeduldige. Das hat einen einfachen Grund: Sie haben mehr Freiheiten und machen oft interessantere und anspruchsvollere Jobs.

ZEIT ONLINE: Ab welchem Alter entscheidet sich denn, ob ich ein geduldiger Mensch werde oder nicht?

Sutter: Das kann die Forschung noch nicht abschließend beantworten. Wir wissen aber, dass sich die Fähigkeit zur Geduld sehr früh entwickelt, etwa im Alter von drei bis sechs Jahren. In dieser Zeit lernen Kinder, was das Wort "Morgen" bedeutet. Danach entwickeln manche Kinder Strategien, sich in Geduld zu üben und andere nicht. Sind die Kinder erst einmal älter als zehn, ändert sich an ihren Fähigkeiten kaum noch etwas.

ZEIT ONLINE: Wir werden also sehr früh im Leben zu geduldigen oder ungeduldigen Menschen?

Sutter: So ist es vermutlich. Und was noch interessanter ist: An dieser Veranlagung ändert sich in vielen Fällen das ganze Leben lang nichts, zumindest nicht in großem Ausmaß. Wir bleiben geduldige oder ungeduldige Menschen, mit allen Konsequenzen, die das hat.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt das Elternhaus dabei?

Sutter: Das familiäre Umfeld hat eine große Bedeutung. Ich illustriere das meistens mit einem einfachen Beispiel. Nehmen Sie an, Sie sagen Ihrer Tochter, dass sie ein schönes Geschenk bekommt, wenn sie sich anstrengt in der Schule und ein gutes Zeugnis bekommt. Doch wenn sie sich dann wirklich reinhängt und Ihnen stolz das gute Zeugnis präsentiert, behaupten Sie, sich an das Versprechen nicht mehr erinnern zu können. Es wird das letzte Mal sein, dass Sie Einfluss darauf nehmen können, ob ihre Tochter lernt oder nicht.