Warten in einem Jobcenter © Julian Stratenschulte/dpa

ZEIT ONLINE: Herr Kratz, für Ihre Doktorarbeit haben Sie untersucht, welche Hilfe Langzeitarbeitslose bräuchten – und welche sie vom Amt bekommen. Mit welchem Ergebnis?

Dirk Kratz: So wie die Hilfe derzeit angelegt ist, richten die Jobcenter großen Schaden an. Sie machen mehr kaputt, als dass sie helfen. Das ist ein ganz zentrales Ergebnis meiner Arbeit.

ZEIT ONLINE: Sie haben ausführlich mit Langzeitarbeitslosen gesprochen. Was sind die größten Probleme?

Kratz: Ihre komplette bisherige Berufsbiografie wird vom Amt entwertet. Das sind ja alles Erwachsene, mit einer eigenen Lebens- und Berufserfahrung. Man könnte diese Erfahrung als Basis nutzen, aus der sich etwas Neues entwickeln kann. Aber in der standardisierten Fallbearbeitung der Jobcenter findet sie gar nicht mehr statt. Die Erfahrungen der Leute werden als Defizit angesehen, als etwas, das es zu beheben gilt.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Kratz: Das kann so weit gehen, dass die Arbeitssuchenden behandelt werden wie kleine Schulkinder. Sie werden zum Beispiel in Maßnahmen gesteckt, in denen sie einfache mathematische Aufgaben lösen oder ihre Rechtschreibung verbessern sollen. Aber dadurch lernen sie vor allem, dass ihre jahrzehntelange Berufserfahrung wertlos ist, dass man sie nur als Problemfälle wahrnimmt.

ZEIT ONLINE: Könnte es nicht sein, dass in solchen Fällen ganz objektiv Rechen- und Rechtschreibschwächen bestehen – neben aller Berufserfahrung?

Kratz: Das lässt sich nicht immer objektiv sagen. Der Punkt ist: Die Defizite werden einfach unterstellt, und sie sollen dann durch Qualifikationsmaßnahmen behoben werden. In Wahrheit aber werden sie verstärkt, weil die Vermittlung nicht funktioniert. Dadurch entfernen sich die Leute noch weiter vom Arbeitsmarkt. Ihre Berufserfahrung veraltet, ihr Selbstbewusstsein leidet. Sie finden noch schwerer einen Job.

ZEIT ONLINE: Was ist falsch daran, Arbeitslose zu qualifizieren?

Kratz: Das Problem liegt im Konzept, das dahinter steckt – oder, wenn man so will, in der Weltsicht der Ämter und der Arbeitsmarktpolitik. In den Jobcentern und Arbeitsagenturen arbeitet man mit einem ziemlich technischen Modell. Dessen Logik besagt, etwas verkürzt: Wenn jemand keine Arbeit findet, dann liegt das daran, dass ihm bestimmte Fähigkeiten fehlen …