ZEIT ONLINE: Herr Kratz, für Ihre Doktorarbeit haben Sie untersucht, welche Hilfe Langzeitarbeitslose bräuchten – und welche sie vom Amt bekommen. Mit welchem Ergebnis?

Dirk Kratz: So wie die Hilfe derzeit angelegt ist, richten die Jobcenter großen Schaden an. Sie machen mehr kaputt, als dass sie helfen. Das ist ein ganz zentrales Ergebnis meiner Arbeit.

ZEIT ONLINE: Sie haben ausführlich mit Langzeitarbeitslosen gesprochen. Was sind die größten Probleme?

Kratz: Ihre komplette bisherige Berufsbiografie wird vom Amt entwertet. Das sind ja alles Erwachsene, mit einer eigenen Lebens- und Berufserfahrung. Man könnte diese Erfahrung als Basis nutzen, aus der sich etwas Neues entwickeln kann. Aber in der standardisierten Fallbearbeitung der Jobcenter findet sie gar nicht mehr statt. Die Erfahrungen der Leute werden als Defizit angesehen, als etwas, das es zu beheben gilt.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Kratz: Das kann so weit gehen, dass die Arbeitssuchenden behandelt werden wie kleine Schulkinder. Sie werden zum Beispiel in Maßnahmen gesteckt, in denen sie einfache mathematische Aufgaben lösen oder ihre Rechtschreibung verbessern sollen. Aber dadurch lernen sie vor allem, dass ihre jahrzehntelange Berufserfahrung wertlos ist, dass man sie nur als Problemfälle wahrnimmt.

ZEIT ONLINE: Könnte es nicht sein, dass in solchen Fällen ganz objektiv Rechen- und Rechtschreibschwächen bestehen – neben aller Berufserfahrung?

Kratz: Das lässt sich nicht immer objektiv sagen. Der Punkt ist: Die Defizite werden einfach unterstellt, und sie sollen dann durch Qualifikationsmaßnahmen behoben werden. In Wahrheit aber werden sie verstärkt, weil die Vermittlung nicht funktioniert. Dadurch entfernen sich die Leute noch weiter vom Arbeitsmarkt. Ihre Berufserfahrung veraltet, ihr Selbstbewusstsein leidet. Sie finden noch schwerer einen Job.

ZEIT ONLINE: Was ist falsch daran, Arbeitslose zu qualifizieren?

Kratz: Das Problem liegt im Konzept, das dahinter steckt – oder, wenn man so will, in der Weltsicht der Ämter und der Arbeitsmarktpolitik. In den Jobcentern und Arbeitsagenturen arbeitet man mit einem ziemlich technischen Modell. Dessen Logik besagt, etwas verkürzt: Wenn jemand keine Arbeit findet, dann liegt das daran, dass ihm bestimmte Fähigkeiten fehlen …

"Allein die Jobagentur entscheidet, wo die Defizite der Arbeitslosen liegen"

ZEIT ONLINE: Der Arbeitslose ist selbst schuld an seiner Lage?

Kratz: Genau. Andere Ursachen werden komplett ausgeblendet. Daraus ergibt sich logisch zwingend: Ich muss die Defizite des Arbeitssuchenden beheben, ihn mit Kompetenzen anfüttern, dann klappt es auch mit dem Job. Aber die Realität funktioniert so nicht. Ob man eine Stelle findet, hängt oft von Zufällen ab, oder einfach davon, ob Stelle und Arbeitssuchender zueinander passen …

ZEIT ONLINE: Aber genau darum geht es doch dem Amt: Es versucht, die Arbeitslosen so zu qualifizieren, dass sie auf die freien Stellen passen.

Kratz: Und das ist genau falsch herum gedacht. Die Tätigkeit muss zu mir passen. Ich muss einen Zugang zu ihr finden, und ich muss durch die Arbeit einen Bezug zu mir selbst herstellen können. Ich muss mich wohlfühlen dabei. Das klingt vielleicht etwas theoretisch, aber es ist ein sehr starker Mechanismus. Stattdessen wird den Langzeitarbeitslosen gesagt, sie müssten sich eben anpassen. Wenn sie das nicht schaffen, wird das als Defizit gesehen. Der Punkt ist: Allein die Jobagentur entscheidet, wo die Defizite liegen, und was als echte Kompetenz angesehen wird. Mit dem wirklichen Bedarf der Betroffenen hat das gar nichts zu tun. Sie bräuchten oft eine ganz andere Hilfe.

ZEIT ONLINE: Geben Sie uns doch einmal ein Beispiel.

Kratz: Ein Mann, dessen Fall ich intensiver ausgewertet habe, berichtet davon, wie er während seines Ökonomie-Studiums Jobs in der Leiharbeit angenommen hat, um sich finanziell abzusichern. Das war Ende der 1980er, Anfang der 1990er. Er jobbte in der Druckbranche, die sich zu der Zeit schon stark wandelte. Für ihn hieß das: Er musste fürs gleiche Geld immer mehr arbeiten. Irgendwann hat er im vermeintlichen Nebenjob mehr Zeit verbracht als im Studium. Die Uni wurde ihm fremd, er hat abgebrochen.

ZEIT ONLINE: Er hat keine abgeschlossene Ausbildung?

Kratz: Doch, er hat mit 34 Jahren noch eine Ausbildung als Drucker begonnen, und sie auch abgeschlossen. Später hat er sich durch mehrere prekäre Jobs über Wasser gehalten und ist für die Arbeit viel umgezogen. Irgendwann zog er zurück zu seinen Eltern, weil die relativ zentral in Deutschland leben und es ihm sinnvoller schien, von dort aus zu seinen wechselnden Arbeitsorten zu gelangen. Als dann das letzte Beschäftigungsverhältnis in die Brüche ging, war das für ihn, als wäre er nie studieren gewesen. Er saß da, in seinem Jugendzimmer im Elternhaus.

ZEIT ONLINE: Was hat die Arbeitsagentur ihm geraten?

Kratz: Sie haben gesagt, er solle doch in die Sicherheitsbranche gehen. In der Logik des Amts ist das nur konsequent. Dort werden Leute gebraucht, man kann sie schnell ausbilden und wieder zurück auf den Arbeitsmarkt bringen. Aber es ist ein Angebot für jede x-beliebige Person. Der Mann in meinem Fall aber wollte gerne aufgreifen, was er vorher gelernt hatte. Aus Mangel an anderen Perspektiven hat er dann zwar in der Sicherheitsbranche angefangen, aber jetzt ist er wieder Leiharbeiter in der Druckbranche und stockt seinen geringen Lohn mit Hartz IV auf.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihrer Dissertation den Titel Entfremdete Hilfe gegeben. Das klingt ziemlich marxistisch. Manche würden sagen: aus der Zeit gefallen.

Kratz: Im Gegenteil. Wir sehen doch, dass der Ansatz der Jobcenter so nicht funktioniert. Wenn die Arbeitslosen trotz aller Qualifikationsmaßnahmen keine neue Stelle finden – was oft der Fall ist – reagiert das Amt mit immer neuen Defizit-Diagnosen. Irgendwann schreibt man den Arbeitslosen nicht nur fachliche Defizite zu, sondern auch psychologische oder medizinische Probleme. Da kommen sie nur schwer wieder raus.

ZEIT ONLINE: Aus dem vermeintlich positiven Kreislauf Defizit – Qualifizierung – neue Stelle wird eine Spirale nach unten?

Kratz: So könnte man es sagen. Es entsteht eine große Orientierungslosigkeit. Durch die vielen erfolglosen Versuche, wieder zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen, fühlt man sich gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert. Allein das Wort Langzeitarbeitsloser ist ja schon ein Stigma. Dabei wünschen sich alle Leute, mit denen ich geredet habe, eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit.

ZEIT ONLINE: Was könnten die Arbeitsagenturen besser machen?

Mehr Mitspracherechte für Arbeitslose wären wichtig

Kratz: Sich am Markt alleine zu orientieren, eröffnet den Leuten auf lange Sicht keinen Ausweg aus ihrer Arbeitslosigkeit. Natürlich kann ich jemanden innerhalb von zwei Monaten zum Sicherheitsfachmann ausbilden und prekär beschäftigen. Aber langfristig wird diese Person nicht aus dem Hilfebezug kommen. Man müsste viel stärker auf die Arbeitslosen eingehen.

ZEIT ONLINE: Das klingt langwierig, teuer – und unsicher.

Kratz: Möglicherweise geht das in einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung nicht auf. Aber am Ende habe ich eine stabilere Erwerbsgesellschaft, als wenn ich die Leute immer nur in kurzfristige Maßnahmen stecke. Und die Betreuung in den Jobcentern müsste man dafür gar nicht intensivieren. Stattdessen müsste man den Arbeitslosen Freiräume geben, damit sie selbst neue Ideen entwickeln könne.

ZEIT ONLINE: Wie könnte so ein Freiraum konkret aussehen?

Kratz: Ich habe keine fertige Lösung. Man könnte neue Modelle der öffentlichen Beschäftigung entwickeln – zum Beispiel in Kommunen, in denen dann Lokalpolitiker, Unternehmer und Vertreter der Arbeitslosen selbst mitentscheiden, wo es Bedarf für zusätzliche Arbeitskräfte gibt und wie man sie einsetzen könnte. Das ist nicht ganz einfach. Solche Jobs dürfen ja keine anderen Arbeitsplätze verdrängen, trotzdem sollen sie so nah am Markt wie möglich sein. Aber man könnte es versuchen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Betroffenen mit am Tisch sitzen und mitreden können – statt dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird, was mit ihnen geschieht, so wie bisher. Darüber hinaus bräuchten sie auch Mitbestimmungsmöglichkeiten auf der politischen Ebene. Das ist ein weiteres zentrales Ergebnis meiner Arbeit.

ZEIT ONLINE: Kommunen brauchen vielleicht Gärtner oder Parkplatzwächter. Das hat nicht unbedingt mit den Berufserfahrungen der Langzeitarbeitslosen zu tun, auf die Sie so großen Wert legen.  

Kratz: Das stimmt. Aber wenn die Arbeitslosen über ihre Tätigkeit mitentscheiden können, ist die Entfremdung nicht so stark. Die Leute könnten in der öffentlichen Beschäftigung ankommen, sich ausprobieren, neue Erfahrungen sammeln – und sich von dort aus weiter orientieren, mit viel weniger Druck als bisher.

ZEIT ONLINE: Der Druck entstand vor allem durch die Hartz-IV-Reformen. Würden Sie Hartz IV wieder abschaffen?

Kratz: Ich fände es zu einfach, Hartz IV komplett zu verdammen. Sicher wäre es gut, wenn der finanzielle Druck für Hartz-IV-Empfänger nicht so groß wäre. Der entscheidende Fehler liegt aus meiner Sicht aber im Paradigma des Forderns und Förderns – vor allem in den Sanktionen, die damit verbunden sind. Hinter ihnen steckt ja die Idee, dass Arbeitslose durch Strafen zu einem marktkonformen Verhalten zu bewegen seien. Ein erzieherischer Anspruch, wenn man so will. Dabei ist empirisch überhaupt nicht nachgewiesen, dass das funktioniert.