Er schweigt. Lässt sich öffentlich nichts anmerken, feiert seine Sportler. Schickt seinen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew vor, der die "Kalaschnikow schwenkenden Personen in schwarzen Masken" in Kiew verunglimpft. Doch für Russlands Präsidenten Wladimir Putin liegen glitzernder Erfolg und bleierne Misere in diesen Tagen nah beieinander.

Auf der einen Seite kann sich Russland als erfolgreichste Nation bei den Olympischen Spielen in Sotschi feiern lassen. Auf der anderen Seite zeigt die Revolte in der Ukraine mit aller Deutlichkeit, wie empfindlich die einstige Wirtschaftsmacht geworden ist. Denn für Putin ist der Umsturz nicht nur eine politische Niederlage. Für die geschwächte und ausgelaugte Wirtschaft ist die absehbare Westwende des Nachbarlandes ein schwerer Schlag.

Anders als Putin versucht der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew nicht, die Probleme totzuschweigen. Die jüngste Herabstufung der Kreditwürdigkeit der Ukraine durch Standard & Poor's, die mitten in die Straßenschlachten von Kiew platzte, treffe auch Russland hart. "Das birgt Risiken für unsere Banken, die auf dem ukrainischen Markt stark engagiert sind. Und viele Investmentfonds ziehen ihr Geld aus der Ukraine ab und die meisten danach auch gleich aus Russland", sagte Uljukajew im Handelsblatt. Banken wie die Sberbank oder VTB gehören zu den größten Gläubigern der Ukraine. Und die Geldinstitute sind nicht die einzigen angreifbaren russischen Unternehmen. Gazprom transportiert rund zwei Drittel seiner Energie durch ukrainische Leitungen.

Putin wollte das Bruderland eigentlich in die Eurasische Union eingliedern, jener Zollunion, in der – als Gegengewicht zur EU – bereits Weißrussland und Kasachstan mitmachen. Russlands Wirtschaft ist zwar längst nicht so abhängig von der Ukraine wie andersherum. Aber die Anleger haben das Vertrauen in Russland verloren.

Kräftiges Wachstum? Das war gestern

Abzulesen ist dies unter anderem am Absturz der russischen Währung. Der Rubel hat im vergangenen Jahr fast ein Fünftel seines Wertes eingebüßt. Für einen Euro bekommt man heute gerade noch rund 48  Rubel. Und die Wirtschaft des Landes steuert geradewegs in die Rezession. Das Wachstum schwächte sich binnen eines Jahres von 3,4 auf 1,3 Prozent ab. Was für ein hochentwickeltes Land wie Deutschland vielleicht noch in Ordnung ist, bedeutet für ein Schwellenland wie Russland nichts anderes als Stagnation.

Anfang der Woche kam dann eine weitere Hiobsbotschaft: Im Januar sank die Industrieproduktion überraschend um 0,2 Prozent zum Vorjahr – Experten hatten noch mit einem deutlichen Plus gerechnet. "Die russische Volkswirtschaft ist heute um nichts widerstandsfähiger als zum Ende der Sowjetära", ist der polnische Wirtschaftsprofessor Jan Winiecki von der Universität Rzeszów überzeugt. Die Kritik des früheren Präsidentenberaters zielt vor allem auf die starke Abhängigkeit von Rohstoffeinnahmen. Sie machen rund 90 Prozent aller Exporte Russlands aus. Kleine Preisschwankungen können so große Auswirkungen auf Haushalt und Zahlungsbilanz haben. Ein Absturz des Ölpreises dürfte nur schwer aufzufangen sein: "Russlands nicht konkurrenzfähiger Fertigungssektor kann einen solchen Rückgang nicht ausgleichen, und angesichts von Putins fehlender Bereitschaft, den erforderlichen Wandel hin zu einer wissensintensiveren Wirtschaft zu verfolgen, dürfte sich dies kaum ändern", glaubt Winiecki.

Dem Kreml ist das Problem bekannt – Lösen kann er es aber nicht. Sämtliche staatliche Versuche, Russlands Wirtschaft zu diversifizieren, seien in den vergangenen Jahren weitgehend wirkungslos blieben, heißt es ernüchtert in der Studie Diversifying Russia der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.