Zur Unterdrückung des Oligarchenaufstands eilte der Präsident persönlich ins ukrainische Parlament. Es war Mittwoch vergangener Woche und die Abgeordneten der Rada sollten ein Amnestiegesetz verabschieden, ein Teil der Zugeständnisse, die Janukowitsch in den Verhandlungen mit Klitschko und den anderen Oppositionellen gemacht hatte. Die Präsidialverwaltung hatte einen Entwurf vorbereitet, den die Parlamentsmehrheit von Janukowitschs Partei der Regionen verabschieden sollte. Doch plötzlich kamen aus dem Parlament Signale, dass Abgeordnete der Partei der Regionen für den Entwurf der Opposition stimmen könnten, der viel breiter gefasst war. Der Präsident rief kurzerhand die Abgeordneten seiner Partei (offiziell ist er "Ehrenvorsitzender") in den Kinosaal des Parlaments und stauchte sie zurecht. Um kurz nach 22 Uhr segneten die Abgeordneten dann den Entwurf des Präsidenten ab.

Doch was hat eine Abstimmung im ukrainischen Parlament mit den Oligarchen zu tun? Um das zu verstehen, muss man die ukrainische Wirklichkeit kennen: Der allergrößte Teil der 445 Abgeordneten wird von ukrainischen Oligarchen kontrolliert. Sie spielen in der Ukraine eine größere Rolle als im benachbarten Russland: Das Kapital der 100 reichsten Ukrainer beträgt laut der ukrainischen Forbes 37,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Russland liegt der Wert bei 24 Prozent, in den USA bei 6,6. Viele kleinere Oligarchen sind Mitglied des ukrainischen Parlaments oder haben dort ihre sogenannten Stellvertreter, die in ihrem Sinne abstimmen. Der ukrainische Investigativjournalist Sergej Leschtschenko schätzt, dass nur rund 50 Abgeordnete tatsächlich unabhängig sind.

Der wachsende internationale Druck auf das Regime nach den Zusammenstößen in Kiew lässt die Oligarchen jedoch langsam von Janukowitsch abrücken. Dabei waren es das Geld und der mediale Einfluss der Oligarchen, die die Partei der Regionen zur dominanten Kraft machten, die in der Rada die vom Präsidenten eingebrachten Gesetze abnicken kann. Die Oligarchen blieben loyal, obwohl die persönliche Bereicherung der Präsidentenfamilie zunehmend ihre wirtschaftlichen  Interessen beeinträchtigte. Bis zuletzt. Denn die Oligarchen haben Kapital und wirtschaftliche Interessen im Westen. Eine Ukraine, die wie Lukaschenkos Weißrussland zum europäischen Paria wird, würde auch ihnen schaden.

König Rinat Achmetow

Der unangefochtene König der ukrainischen Oligarchen ist Rinat Achmetow: Der laut Forbes 15,4 Milliarden Dollar (2012) reiche Ukrainer aus der Schwerindustriemetropole Donezk begründete seinen Reichtum nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mit seiner Holding System Capital Management kontrolliert er den größten Teil der Stahl- und Kohleindustrie in der Ostukraine, die gleichzeitig das Rückgrat der ukrainischen Volkswirtschaft ist.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Achmetow als Besitzer des Champions-League-Clubs Schachtjar Donezk bekannt. Achmetow gilt als einer der wichtigsten Sponsoren der Partei der Regionen und soll das Stimmverhalten von mindestens 40 Abgeordneten kontrollieren. Zudem gehört Achmetow der zweitwichtigste ukrainische Fernsehsender Ukraina.

Fast eben so viele Abgeordnete der Regierungspartei kontrolliert Oligarch Dmitri Firtasch. Der 48-Jährige (laut Forbes 637 Millionen Dollar) wurde seit der Jahrtausendwende mit einer Firma reich, die als Gaszwischenhändler zwischen rohstoffreichen Ländern wie Russland und Turkmenistan auf der einen und der Ukraine auf der anderen Seite fungierte. Firtasch hat das Profil seiner DF Group über die Jahre erweitert, unter anderem wurde 2004 der österreichische Pipelinebauer Zangas gekauft. Zuletzt erwarb der Oligarch den wichtigsten ukrainischen Fernsehsender Inter. In der Ukraine wird oft von der Firtasch-Ljowotschkin-Gruppe gesprochen: Sergej Ljowotschkin war bis Januar Chef der Präsidialverwaltung und verfügte in dieser Position über großen Einfluss – sowohl auf den Präsidenten als auch auf das Parlament.