Wer in der Ukraine Geschäfte machen will, hat es in diesem Tagen nicht leicht. Dirk Stratmann wollte vor ein paar Tagen in die Ukraine, um Geschäftskunden zu treffen, die seine Landmaschinen kaufen wollen. Doch die Revolution im Land zwingt ihn dazu, die Reise nach Kiew eine Stunde vor Abflug abzusagen. Zum ersten Mal in seinem Leben ist dem Manager des Landmaschinenherstellers John Deere eine Geschäftsreise zu gefährlich.

Tief im Osten Europas treffen Geschäftsleute wie Stratmann auf eine darbende Volkswirtschaft, die ihre Zukunft nicht mehr selbst in der Hand hat. Unter dem geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch wurden Reformen verschleppt, Eliten gepäppelt, der Korruption die Tür sperrangelweit aufgemacht. Jetzt blicken die Revolutionäre in einen wirtschaftlichen Abgrund. Die Ukraine steht kurz vor dem Staatsbankrott. Und die Devisenreserven sind praktisch verbraucht. Dringend nötig sind jetzt Finanzhilfen aus dem Ausland – vom Internationalen Währungsfonds (IWF), den USA oder der EU. Doch bevor die Milliarden fließen, stellt sich die Frage: Ist das Geld – Kiew fordert immerhin 35 Milliarden Dollar – Teil eines Neustarts oder versickern sie in den Händen einer korrupten Machtelite, die sich nicht über Nacht aus dem Staatsapparat entfernen lässt?

Besonders an der Schnittstelle zwischen Staat und Wirtschaft wuchert die Korruption – sei es bei der Registrierung von Unternehmen oder der Vergabe von Grundstücken, wertvollen Lizenzen oder Uni-Abschlüssen. Das ist in der Ukraine ein "Dauerthema", wie Volkswirt Robert Kirchner vom Beratungshaus Berlin Economics sagt. Transparency International stuft kein anderes Land in Europa so schlecht ein wie die Ukraine. Das Land befindet sich auf Augenhöhe mit Ländern wie Mali, Angola, Myanmar und Burundi. In einem erst vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht von Transparency heißt es über die Ukraine: "Wenige Dinge sind für Unternehmen so belastend wie der hier völlig normale Besuch eines gut vernetzen Beamten, der mit Strafverfolgung droht, wenn das Schmiergeld nicht bezahlt wird."

"Korruption während der Orangenen Revolution prächtig entwickelt"

Obwohl viele Janukowitsch-treue Beamte gehen dürften, bleibt das Problem dem Land absehbar erhalten. Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, warnt vor Naivität im Umgang mit den neuen Machthabern – etwa der freigelassenen früheren Gas-Magnatin und MinisterpräsidentinJulija Timoschenko. Während der auch von Timoschenko angeführten Orangenen Revolution habe sich die Korruption "prächtig entwickelt".

Wer auch immer nun Geld gibt, wird es deshalb an strikte Bedingungen knüpfen. Landeskenner wie Linder wissen um die Gefahr, dass Hilfen des Auslands abgezweigt werden: "Das ist immer eine Gefahr." Doch da das Geld mutmaßlich vom IWF kommen dürfte, rät Ökonom Kirchner zur Gelassenheit. "Das Thema Korruption würde ich jetzt nicht zu hoch hängen."

Tatsächlich ist kaum eine Organisation auf diesem Feld so kampferprobt wie der Fonds aus Washington, der auch schon dafür sorgen musste, dass die Milliardenhilfen für Griechenland nicht in den notorisch korrupten Amtsstuben an der Ägäis versickerten. IWF-Chefin Christine Lagarde kündigte bereits an: "Wir alle wissen, dass Wirtschaftsreformen angestoßen werden müssen, bevor die internationale Gemeinschaft helfen kann." Russland hat nach dem Machtwechsel Milliardenhilfen auf Eis gelegt.