ZEIT ONLINE: Herr Bukold, seit Jahren wird in Europa diskutiert, die Abhängigkeit von russischer Energie zu reduzieren. Doch passiert ist bislang wenig, das Land bleibt der wichtigste Exporteur von Öl und Gas. Warum?

Steffen Bukold: Die Diskussion lebt immer dann auf, wenn es Lieferstörungen gibt oder wenn die Preise steigen. In den letzten drei Jahren war es im Öl- und Gasmarkt jedoch eher ruhig. Berlin und Brüssel haben sich mit dem Status quo arrangiert.

ZEIT ONLINE: Hat Europa eine Chance, über die Energiepolitik Druck auf Russland auszuüben?

Bukold: Je stärker wir unsere Importabhängigkeit von Öl und Gas abbauen, die Deutschland übrigens im letzten Jahr netto 90 Milliarden Euro gekostet hat, desto größer wird unser außenpolitischer Spielraum. Im Moment ist er gering. Der Rohölmarkt ist ohnehin ein Weltmarkt. Jeder kauft und verkauft, wo er will. Am Ende ist alles eine Frage des Preises. Beim Gas ist es komplizierter, da die Infrastruktur weniger flexibel und der Seetransport teurer ist. Es wäre für Russland schwierig, auf andere Abnehmer auszuweichen. Ebenso kann die EU ihre Versorgung nicht so schnell neu strukturieren. Die EU ist ohnehin in einer misslichen Situation, da ihre Eigenproduktion von Öl und Gas stark zurückgeht.

ZEIT ONLINE: Fehlt Russland für alternative Exportländer die Infrastruktur? Nach Europa wurden in der vergangenen Jahren große Pipelines gebaut, zu China ist die Verbindung deutlich schlechter, und Öl mit dem Schiff in die USA zu liefern ist sehr teuer.

Bukold: Das hängt von der Lage der Ölfelder ab. Die westsibirischen Felder, die noch immer das Rückgrat der russischen Ölförderung bilden, sind mit Pipelines nur Richtung Westen und Süden angeschlossen. Neue Leitungen zu den Pazifikhäfen in Fernost wären extrem teuer. China importiert russisches Öl aus den weiter östlich gelegenen russischen Vorkommen. Aber Peking will auf keinen Fall in eine größere Abhängigkeit von Moskau geraten. Zudem sind die dort bislang gefundenen Ölmengen überschaubar.

ZEIT ONLINE: Der russische Energiekonzern Gazprom droht damit, die Rabatte bei Erdgaslieferungen für die Ukraine aufzuheben. Wäre das finanziell angeschlagene Land damit nicht sofort pleite?

Bukold: Derzeit muss die Ukraine etwa 260 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen. Der russische Rabatt von 30 Prozent ist also je nach Importmenge drei bis vier Milliarden Dollar wert. Insofern hätte das schon erhebliche finanzielle Auswirkungen.

ZEIT ONLINE: Wie hoch ist die Energieabhängigkeit der Ukraine von Russland?

Bukold: Die Ukraine kann sich zu einem Drittel selbst mit Gas versorgen und verfügt über einige unerschlossene Vorkommen. Bei Öl ist die Importabhängigkeit weitaus höher, während es bei der Kohle besser aussieht. Im Prinzip könnte Kiew seine Gasrechnung drastisch reduzieren, wenn die Infrastruktur modernisiert wird. Das gilt für Gebäudehüllen, Heizungen, Kraftwerke und Industriebetriebe gleichermaßen. Für ein großes Flächenland wie die Ukraine besteht auch die Chance, sich zu einem größeren Teil als bisher über erneuerbare Energien selbst zu versorgen, beispielsweise mit Biomasse oder Windenergie.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist die Ukraine für Russland als Durchleitungsland?

Bukold: Die Hälfte aller Gasexporte von Russland nach Europa strömt durch die Ukraine. Einen Teil davon könnte Russland auch über die Nord-Stream-Pipeline in der Ostsee exportieren, die nicht ausgelastet ist. Aber dann wird es schon schwieriger. Gazprom braucht daher die Ukraine, so wie die Ukraine Gazprom braucht.

ZEIT ONLINE: Falls die Situation in der Ukraine vollkommen außer Kontrolle gerät: Könnte auch die EU das Land mit Energie versorgen? Etwa durch Schiefergasvorkommen in den USA, die man mit Tankern importieren könnte?

Bukold: Kurzfristig nicht. Die verhältnismäßig kleinen Schiefergasexporte der USA beginnen erst in ein paar Jahren. Der natürliche Markt dafür ist dann eher Fernost und Lateinamerika. Die EU wiederum ist stärker von Gasimporten abhängig. Zusätzliche Flüssiggasimporte in Westeuropa wären teuer. Ein nur theoretisch denkbarer Weitertransport nach Osten würde das Gas völlig unbezahlbar machen. Es wäre für die Ukraine sinnvoller, sich auf die eigenen erneuerbaren Ressourcen und eine höhere Energieeffizienz zu konzentrieren.