Bislang spielte die Ukraine keine große Rolle auf den Weltmärkten. Mit seinem Bruttoinlandsprodukt reiht sich das Land im internationalen Vergleich nur auf Platz 57 ein, hinter Ländern wie Peru oder den Philippinen. Aktienhändler blickten bei ihren Entscheidungen nicht nach Kiew, sondern nach London, New York oder Berlin. In den vergangenen Tagen hat sich das geändert: Alleine der Deutsche Aktienindex verlor am Montag mehr als drei Prozent, auch anderen Handelsplätzen rutschen die Kurse deutlich ins Minus. Der Grund: die Krise in der Ukraine und der Konflikt mit Russland.  "Die Investoren an der Börse sind angesichts der Lage im Land verunsichert", sagt Christian Dreger, Forschungsleiter für International Economics beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Dreger sieht die Ukraine kurz vor der Staatspleite. "Es stellt sich die Frage, ob der Bankrott überhaupt noch aufzuhalten ist." Die wirtschaftliche Lage der Ukraine ist bedrohlich: Für die nächsten beiden Jahre fehlen der Übergangsregierung zufolge 35 Milliarden Dollar, um das Land vor dem Bankrott zu retten. Bereits seit einem Monat kann der Staat Renten nicht mehr komplett auszahlen, einige Banken hatten zudem die Bargeldabhebungen stark eingeschränkt. Die ukrainische Wirtschaft hatte sich nie richtig von ihrem Absturz im Jahr 2009 erholt. Damals hatte die Finanzkrise das Bruttoinlandsprodukt um fast 15 Prozent einbrechen lassen.  

Gleichzeitig hat die heimische Währung Hrywnja durch den Konflikt mit Russland auf der Krim stark abwertet. Die Interventionen der ukrainischen Zentralbank konnten dies nicht verhindern. Ökonomen halten die Abwertung jedoch für überfällig: "Die Hrywnja war vier Jahre lang an den Dollar gekoppelt, obwohl die internationale Wettbewerbsfähigkeit schon seit einigen Jahren stark abnahm", sagt Georg Zachmann, Mitglied der deutschen Beratergruppe bei der ukrainischen Regierung. Die abgewertete Währung sei eine notwendige wirtschaftliche Voraussetzung für eine neue Regierung.

Milliardenabschreibungen drohen

Sollte die Ukraine wirklich pleitegehen, werde das auch Europa und Russland treffen, sagt DIW-Experte Dreger. Der internationale Handel würde eingeschränkt und europäische Banken würden viel Geld verlieren. Mit insgesamt 23 Milliarden Dollar ist die Ukraine bei Geldinstituten aus EU-Staaten verschuldet, wie aus Zahlen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIS) hervorgeht. Am stärksten involviert sind österreichische und italienische Banken, deutsche Institute sind dagegen nur mit einer Milliarde Euro dabei. Im Fall eines Staatsbankrotts müsste der größte Teil der Kredite abgeschrieben werden. "Solche Forderungsausfälle sind aber einkalkuliert", sagt Dreger. Auch die angeschlagenen italienischen Banken könnten einen solchen Forderungsausfall verkraften, die Euro-Krise werde deswegen nicht neu aufflammen.

Vor allem die österreichischen Banken hätten vor einigen Jahren ihre Bilanzen "mit enorm verlustreichen Geschäften in der Ukraine" aufgebläht, sagt Georg Zachmann, der auch am Brügel-Institut in Brüssel forscht. "Das meiste davon ist aber mittlerweile aus den Bilanzen raus." Auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hält die Verflechtung von europäischen Banken mit der Ukraine für nicht besonders groß. Die Auswirkungen der Krise auf die europäische Wirtschaft seien demnach begrenzt, sagte er am Montag in Brüssel. Die politischen Folgen, warnte Draghi, könnten jedoch weit über die wirtschaftlichen hinausgehen.