Constantin Stadtaus, einer von zwei Augenärzten auf Hamburg-Wilhelmsburg

Constantin Stadtaus ist geblieben. Schon deshalb muss man ihn für einen ehrenwerten Mann halten. Stadtaus ist einer von zwei verbliebenen Augenärzten im größten Stadtbezirk Hamburgs, Wilhelmsburg, 50.000 Einwohner, eine Insel in der Elbe.

Ginge es nach den üblichen Standards, müssten sie hier mindestens zu viert sein. 13.177 Patienten je Augenarzt sieht der Versorgungsbericht der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KV) vor. Doch nur wenige Mediziner erwärmen sich für Wilhelmsburg: zu viele Migranten, zu viele Sozialhilfeempfänger, keine Privatpatienten. Drei Praxen gab es hier einmal, bis der dritte Arzt einen Nachfolger suchte. Neun Interessenten kamen und gingen. Der letzte verlegte den Praxissitz schließlich in den reicheren Norden. Dort wohnen zwar weniger Menschen, aber mehr wohlhabende Leute. Dafür gibt es auch mehr Augenärzte.

Genau kann Stadtaus nicht sagen, in wie viele der 50.000 Augenpaare er schon geblickt hat. Jeden Tag behandelt er 120 Patienten, von morgens acht bis abends sieben Uhr. Da kommt einiges zusammen. So viel, dass das ihm von den Krankenkassen zugestandene Behandlungsbudget in der Mitte des Quartals aufgebraucht ist. Stadtaus hört dann nicht auf zu arbeiten, er versteht sich als Arzt aus Leidenschaft. Aber hier in Wilhelmsburg ist er eben ziemlich alleine.

Wenn über das deutsche Gesundheitssystem debattiert wird, ist oft von Zwei-Klassen-Medizin die Rede, von den großen Unterschieden zwischen privater und öffentlicher Versorgung. Oder von dem starken Gefälle zwischen Stadt und Land. In den Städten ballen sich die Ärzte, auf dem Land fehlen sie.


Es gibt in deutschen Großstädten aber noch eine andere, weniger sichtbare Trennlinie. Sie verläuft in Köln zwischen dem Arbeiterstadtteil Kalk und dem wohlsituierten Lindenthal, in Berlin zwischen den Plattenbausiedlungen von Hohenschönhausen und den Stadtvillen von Wilmersdorf, in Hamburg zwischen Wilhelmsburg und Harvestehude. Auf der einen Seite der Linie gibt es genug Ärzte für alle: Orthopäden, Zahnmediziner, Psychotherapeuten. Auf der anderen Seite müssen die Patienten lang warten oder weit fahren, um sich behandeln zu lassen.

Wer betrachtet, wie sich die Ärzte in den Städten verteilen, erkennt das Muster: Je höher die Kaufkraft in einem Stadtteil ist, desto höher ist in der Regel die Chance, dass die nächste Arztpraxis und der Spezialist nahe sind. Manche ärmere Stadtteile sind hingegen fast ohne Ärzte. ZEIT ONLINE hat die Unterschiede in mehreren interaktiven Karten sichtbar gemacht. "Die Ärzte verteilen sich in den Großstädten sehr ungleich", sagt Leonie Sundmacher, Professorin für Gesundheitsmanagement in München. "Und es gibt Hinweise darauf, dass für die Patienten eine andere Verteilung besser wäre."

Wie konnte das passieren?

Die Antwort führt zurück ins Jahr 1993. Der Gesundheitsminister hieß damals Horst Seehofer, seine größte Herausforderung war die sogenannte Ärzteschwemme. Zwischen 1970 und 1984 war die Zahl der Kassenärzte um etwa 30 Prozent gestiegen. Zwar hatte die Politik schon 1977 ein Gesundheitsstrukturgesetz beschlossen, das die Bedarfsplanung für die Ärzte im Land regeln sollte. Doch erst 1993 versieht Seehofer das Gesetz mit Durchschlagskraft.

Seither bestimmen in Deutschland strikte Quoten darüber, wo sich Ärzte ansiedeln dürfen und wo nicht. Das Land wurde dafür in Stücke geschnitten, mittlerweile sind es insgesamt 883 Teile. Anschließend legte ein Gremium aus Gesundheitsfunktionären einen Schlüssel fest, der für alle Ärztegruppen vorschreibt, wie viele Menschen maximal oder minimal auf einen Arzt kommen dürfen. Sind es mehr, gilt das Stück offiziell als unterversorgt, sind es weniger, als überversorgt. Dann darf sich dort kein neuer Arzt mehr niederlassen.

Das Gesetz sollte dafür sorgen, dass sich die Mediziner gleichmäßig über das Land verteilen. Das gelang mehr oder weniger gut, doch in den Großstädten wirkte das System nicht. Das hat einen simplen Grund. Die Funktionäre hatten jede Stadt als einen großen Planungsbezirk festgelegt. Egal ob in München, Hamburg, Köln oder Berlin: Den Ärzten bleibt es seither weitgehend selbst überlassen, wo sie sich ansiedeln, Hauptsache, die Quote für die ganze Stadt wird erfüllt.

Der Augenarzt Stadtaus hat seine Praxis in einem neuen hell-grün gestrichenen Ärztehaus fast am S-Bahnhof Wilhelmsburg. Eigentlich liegt es so, wie es sich die Planer der Kassenärztlichen Vereinigung vorstellen: an einem Knotenpunkt des öffentlichen Lebens. Praxisgründer, sagen die Planer, orientierten sich an den Verkehrswegen, denen ihre Patienten folgen. Die Menschen gingen eher nahe ihrer Arbeitsstelle zum Arzt als bei sich zu Hause. Sie kombinierten Einkauf und Arztbesuch, weshalb die Nähe von Einkaufzentren gesucht werde. Letztlich sei die Praxisstruktur einer Stadt ein Abbild der allgemeinen städtischen Struktur.