Was Verbraucherschützer schon seit Jahren fordern, wird nun konkreter: Die Bundesregierung nimmt sich der Abzocke mit Dispo-Zinsen an. Das Bundesjustizministerium erwägt zurzeit die Einführung von Warnhinweisen, wenn Bankkunden den Dispo-Kredit in Anspruch nehmen. "Wenn Leute ins Minus gehen und in den Dispo fallen, müssen sie darauf hingewiesen werden, dass sie exorbitante Zinsen zahlen müssen", fordert Justizminister Heiko Maas (SPD). Auch im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD auf entsprechende Schritte geeinigt.    

Das Thema Warnhinweise spaltet inzwischen das Bankenlager. Während Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen sich kürzlich gegen Warnhinweise aussprach, kann die Commerzbank der Idee etwas Positives abgewinnen: "Ich bin nicht gegen eine gesetzliche Regelung", sagte Privatkundenvorstand Martin Zielke der Süddeutschen Zeitung am Dienstag. Zu einer guten Beratung gehöre es, die Kunden aktiv anzusprechen.

Aber können Warnhinweise den Wucher mit den Dispo-Zinsen wirklich eindämmen? Nein, sagt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: "Das geplante Gesetz ändert nichts am grundsätzlichen Problem." Zwar hält Oelmann die Warnhinweise für einen Schritt in die richtige Richtung – aber nicht weit genug. Die Verbraucherschützerin fordert eine gesetzliche Deckelung der Dispo-Zinsen. Sie sollen sich an dem Zinssatz orientieren, zu dem sich die Banken selbst Geld leihen können. Die Spanne von Kunden- und Bankenzinsen, so Oelmann, dürfe maximal bei sieben Prozentpunkten liegen.

Dass die Realität oft anders aussieht, hatte im vergangenen Jahr ein Crowdsourcing-Projekt von ZEIT ONLINE und der ZEIT gezeigt. Mehr als 8.000 Leser hatten ZEIT ONLINE ihren persönlichen Zinssatz gemeldet und so für mehr Transparenz gesorgt. Ergebnis: Der durchschnittliche Zins von zwölf Prozent lag deutlich über den neun Prozent, die der Bundesgerichtshof in seiner ständigen Rechtsprechung als gerechtfertigt ansieht.

Die Politik kennt das Problem seit Jahren. Im Juli 2012 veröffentlichten Wissenschaftler eine Studie über Dispo-Zinsen, Auftraggeber war das damalige Bundesverbraucherschutzministerium. Sie kritisierten darin die "überhöhten Preise bei vereinbarter und geduldeter Kontoüberziehung". In der Studie analysierten sie auch Alternativen, mit denen die Politik die Zinsen auf ein verträgliches Niveau drücken könnte – etwa Zinsobergrenzen oder eine Angebotspflicht für Kredite, die günstiger sind als der Dispo.

Verbraucherschützer halten Warnhinweise für wenig hilfreich

Von diesen Ergebnissen ist im Koalitionsvertrag jedoch wenig zu sehen. "Wenn tatsächlich nur die Warnhinweise als Konsequenz übrig bleiben, ist das schwach", sagt Michael Knobloch, der für das Institut für Finanzdienstleistungen (iff) an der Studie mitgearbeitet hat. Auch er sieht die zentrale Herausforderung darin, "die Zinssätze insgesamt niedriger" zu halten. Explizite Warnhinweise der Bank, wenn Kunden in den Dispo-Bereich rutschen, seien nur wenig hilfreich: "Das ist ja auch jedem klar, der auf seine Kontoauszüge schaut oder Onlinebanking macht", meint Knobloch.

Der iff-Wissenschaftler kritisiert die Formulierung "Warnhinweis". "Nicht jeder, der seinen Dispo-Kredit nutzt, muss auch davor gewarnt werden." Bei kurzfristigem Geldbedarf etwa sei die Kontoüberziehung eine gute Alternative – solange sie nicht regelmäßig genutzt werde, um beispielsweise finanzielle Krisen durchzustehen. "Aber an sich sind Dispo-Kredite nichts Schlechtes. Problematisch wird es nur, wenn man sie falsch nutzt", sagt Knobloch.

Verbraucherschützerin Oelmann hält die Warnhinweise für ineffektiv: "Denjenigen, der an der Schwelle zum Dispo steht, halten auch solche Hinweise nicht auf." Ihre Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen der iff-Studie für das Verbraucherschutzministerium: Demnach nutzen Arbeitslose und Alleinerziehende deutlich häufiger ihren Dispo-Kredit. Also Personengruppen, die in der Regel kurzfrisitig auf das Geld angewiesen sind – woran auch die Warnhinweise nichts ändern dürften.

Die Commerzbank, welche die Warnhinweis-Idee unterstützt, hat übrigens bislang keine Dispo-Warnungen eingeführt – obwohl es rechtlich zulässig und technisch möglich wäre. Wenn die Banken also tatsächlich wollten, bräuchte es den gesetzlichen Zwang erst gar nicht.