Wenn es um die Hinterlassenschaften des Atomzeitalters geht, fällt jedem sofort der hochradioaktive Abfall ein: Die abgebrannten Brennelemente, für die es kein Endlager gibt. Eine Expertenkommission zur Endlagersuche soll Kriterien dafür erarbeiten; das wurde bereits vor rund einem Jahr beschlossen. Weil Bund und Länder sich nicht darauf einigen können, wer in dem Gremium den Vorsitz übernehmen soll, hat die Kommission die Arbeit allerdings noch nicht einmal aufgenommen.

So zäh ist die Sache mit dem Atommüll.

Nachdem wochenlang die "Wende" und die geplante EEG-Reform die energiepolitische Agenda bestimmt haben, kommt das Problem jetzt wieder zur Sprache. Ende der Woche treffen sich Umweltverbände und Bürgerinitiativen in Berlin zu dem Thema. "Atommüll ohne Ende", so das Motto ihrer Tagung in der Auferstehungskirche.

Die ungelöste Endlagerfrage für den hoch aktiven Abfall ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs.

Atommüll-Endlager - Wohin mit dem Atommüll? ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Endlagersuche Seit fast 50 Jahren streitet Deutschland um mittlerweile mehr als 12.000 Tonnen strahlendes Material, das sicher untergebracht werden muss. ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Suche nach einem geeigneten Endlager.

Die baden-württembergische Landesregierung schlägt nun Alarm – nicht nur wegen des heißen Mülls, sondern auch wegen der noch viel größeren Menge schwach- und mittelaktiven Atommülls, für den es ebenfalls keine gesicherte Entsorgung gibt. Aus einem internen Papier des von dem Grünen Franz Untersteller geführten Stuttgarter Umweltministeriums geht hervor, wie verfahren die Lage wirklich ist. Die nach der Atomkatastrophe von Fukushima beschlossene Stilllegung von acht Atommeilern hat das Problem noch verschärft: Zwecks Risikominimierung gehörten sie schnell abgebaut – doch wohin mit den Bergen radioaktiven Materials, das weiß niemand.

Das 18-seitige Papier ist von Fachleuten geschrieben, es listet in trockenstem Amtsdeutsch die technischen und juristischen Probleme auf, welche die zügige Entsorgung des Atommülls behindern.

Ausbaufortschritt von Schacht Konrad unklar

So gibt es zum Beispiel bereits rund 13.000 beladene Abfallbehälter, die zwecks Einlagerung in den Schacht Konrad allerdings gar nicht zugelassen sind; das ehemalige Bergwerk in der Nähe von Braunschweig wird gerade zum Endlager für schwach- und mittelaktiven Nuklearmüll umgebaut. Nur für einen "Fassstahlcontainer Typ IV der Baureihe 2003" sei die Zulassung nachträglich erfolgt; das betreffe allerdings nur 194 der 13.000 Altbehälter, heißt es in dem Papier.

Zu allem Übel ist offen, wann der Schacht Konrad überhaupt als Endlager genutzt werden kann. Es fehle "an Transparenz bei der Darstellung des Ausbaufortschritts" heißt es in dem Papier aus Baden-Württemberg. Das Problem: Je mehr sich der Einlagerungsbeginn verschiebe, desto mehr zusätzliche Lagerfläche werde an den Standorten der Kernkraftwerke gebraucht. "Möglicherweise müssten dann auch die Anforderungen an die konditionierten Gebinde für eine noch längere Zwischenlagerzeit neu spezifiziert werden."

Irgendwann fehlt es an Fachpersonal

Überdies deute sich an, dass das für den Schacht Konrad genehmigte Volumen "wenn überhaupt, nur knapp ausreicht, um die insgesamt prognostizierten schwach- und mittelradioaktiven Abfallmengen" aufzunehmen. Völlig ungeklärt sei, wo die rund 126.000 Fässer gelagert werden sollen, die sich derzeit noch im maroden Lager Asse befinden. Sollte der Müll, geborgen und neu verpackt, in den Schacht Konrad gebracht werden, dann wäre dort kein Platz mehr für die übrigen radioaktiven Abfälle. Die Endlagerung würde sich "um viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verzögern".

Das könnte auch den Rückbau der Kernkraftwerke verzögern – womöglich mit der Folge, dass am Ende "kein fachkundiges Personal mit intensiver Anlagenkenntnis vorhanden sein wird".

Die Botschaft aus Baden-Württemberg ist nicht nur, dass das Atomzeitalter in Deutschland längst nicht beendet ist, wenn der letzte Meiler wie vorgesehen Ende 2022 abgeschaltet wird. Der zweite Teil lautet, dass die Generation, die die atomaren Altlasten verursacht hat, ihre Entsorgungsverantwortung gefälligst nicht zukünftigen Generationen hinterlassen darf. Das ist allerdings auch eine Botschaft an die Grünen selbst: In sieben Bundesländern sind Politiker mit grünem Parteibuch für die Sache zuständig.