Hochspannungsleitungen in Frankreich (Archiv) © Fred Dufour/AFP/Getty Images

Der Streit wird diplomatisch geführt, aber in den Details geht es hart zur Sache. Vordergründig dreht er sich um ein paar Prozentpunkte und die Frage, wie man politische Kompromisse am besten in eine gesichtswahrende Sprache verpackt. Aber es stehen wichtige ökonomische und nationalstaatliche Interessen auf dem Spiel. Für die Beteiligten geht es um Unternehmensgewinne, Arbeitsplätze, den Schutz der Natur – kurz: um ihren künftigen wirtschaftlichen wie ökologischen Lebensstandard, in Europa und anderswo.  

Jetzt geht die Debatte in eine neue Runde. An diesem Donnerstag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zum Gipfel. Und selbst wenn die Krim-Krise vermutlich alles überschatten wird: Auf der Agenda stehen auch die Energie- und Klimaziele der EU. Und um sie dreht sich der harte Streit.

Die wichtigsten Fragen sind: Wie viel Kohlendioxid wollen die Europäer bis 2030 noch einsparen? Wie hoch soll der Anteil der erneuerbaren Energieträger am gesamten Energieverbrauch dann sein? Und soll es ein verbindliches Ziel für mehr Energieeffizienz geben?

Besonders umstritten ist die Quote für die Erneuerbaren. Die Kommission schlägt eine Öko-Energie-Quote von 27 Prozent für 2030 vor. Deutschland ist das zu wenig, dem Europäischen Parlament auch, und Umweltorganisationen fordern mindestens 45 Prozent. Andere große EU-Mitglieder aber, namentlich Polen und Großbritannien, wollen sich am liebsten zu gar nichts verpflichten. Sie setzen auf Kohle und Atomstrom. An ihrer Seite steht der deutsche Energiekommissar Günther Oettinger.

Entscheidend ist der richtige Netzausbau

Es sind starke Gegner der Öko-Energie. Doch jetzt wollen Umweltschützer über die Öffentlichkeit mehr Druck für den Klimaschutz machen. Pünktlich zum Gipfel legt Greenpeace ein Papier vor, das zeigt: Würde Europa die Erneuerbaren stärker ausbauen, wäre das für die Staaten, Unternehmen und Konsumenten möglicherweise nicht teurer – sondern ganz im Gegenteil deutlich billiger als die gegenwärtigen Pläne.

Der Schlüssel dazu liegt im geschickten Ausbau des Stromnetzes. Derzeit planen die europäischen Netzbetreiber, bis zum Jahr 2022 etwa 104 Milliarden Euro in Europas Stromleitungen zu stecken. Der Anteil von Wind- und Solarkraft an der gesamten Elektrizitätserzeugung soll dann auf 37 Prozent gestiegen sein, und der Stromhandel über staatliche Grenzen hinweg technisch leichter möglich als heute.

37 Prozent Wind- und Solarkraft, das scheint auf den ersten Blick viel. Doch dem ist nicht so. Denn die Quote bezieht sich auf die Stromerzeugung. Die Kommission aber will für die erneuerbaren Energien einen Anteil von 27 Prozent an der gesamten Primärenergie erreichen – Heizung, Verkehr und Verluste aus dem Transport der Energie eingeschlossen. Um das zu schaffen, müsste man mindestens 45 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugen, sagt Greenpeace.

Mehr Erneuerbare, weniger Kosten

In ihrem Report "powE[R] 2030" beschäftigen sich die Umweltschützer – basierend auf Modellrechnungen des Ingenieurbüros Energynautics – mit vier entscheidenden Fragen: Für wie viel Ökostrom wird das Netz der Zukunft ausgelegt sein? Wie muss der Umbau technisch aussehen? Wie viele zusätzliche Kapazitäten werden benötigt? Und vor allem: Was kostet das?

Die Autoren der Studie vergleichen drei Szenarien. In ihrem Idealfall zettelt Europa eine "Energierevolution" an, an der sich die 28 EU-Mitgliedsstaaten sowie Norwegen und die Schweiz beteiligen, und erreicht bis zum Jahr 2030 eine Ökostromquote von 77 Prozent. Im Referenzszenario läuft einfach alles weiter wie gehabt. Und im "Konfliktfall" hängen Polen, Frankreich und Tschechien auch künftig an Nuklearenergie und Kohlekraft, während alle anderen Länder Wind- und Solarenergie ausbauen.

Das zentrale Ergebnis: Die Revolution käme Europa deutlich billiger als der Konflikt zweier konkurrierender Energiesysteme. Den Modellrechnungen zufolge wäre eine Ökostromquote von 77 Prozent bis 2030 ohne weiteres finanzierbar, und zwar zu ähnlichen Kosten wie bislang geplant. Wenn man das Netz richtig anlege, könne man für das gleiche Geld doppelt so viele Solar- und Windkraftanlagen integrieren wie derzeit beabsichtigt, brauche aber nur halb so viele Überlandleitungen, besagt die Studie. Das ist ein interessanter Punkt, denn der Widerstand gegen den Bau neuer Leitungen ist groß, und er reicht bis in die große Koalition.