ZEIT ONLINE: Herr Quick, wozu braucht Europa ein Freihandelsabkommen mit den USA?  

Reinhard Quick: Die Vereinigten Staaten sind unser stärkster Handelspartner; USA und EU sind die größten Wirtschaftsblöcke der Welt. In einer gemeinsamen Freihandelszone könnten wir Zölle und andere Handelsbarrieren beseitigen und im Abbau von Bürokratie vorankommen.

ZEIT ONLINE: Was bringt das den Bürgern?

Quick: Zum Beispiel niedrigere Preise für die gleichen Produkte. Auf Autos, die aus den USA eingeführt werden, zahlen wir immer noch zehn Prozent Zoll. In der Chemieindustrie liegt der höchste Zoll bei 6,5 Prozent. Diese Zölle sollen durch das Abkommen komplett eliminiert werden. Der Freihandel soll Wachstum und Beschäftigung bringen. Wie viel das sein wird, lässt sich nicht beziffern; das hängt von den Details ab. Aber alle Studien über mögliche Wohlfahrtsgewinne kommen zum gleichen Ergebnis: Freihandel schafft Wohlstand.

ZEIT ONLINE: Freihandel führt aber auch zu Verwerfungen, weil nicht alle Branchen der zunehmenden Konkurrenz gewachsen sind. Vielleicht wollen die Kritiker des Freihandelsabkommens TTIP gar keine abstrakten Wohlstandsgewinne, sondern haben schlicht Angst um Arbeitsplätze.

Quick: Es ist doch genau umgekehrt. Wir müssen diese Chance auf mehr Wachstum nutzen, um durch TTIP neue Jobs zu schaffen. Wenn ich sehe, wie hoch die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa ist, verstehe ich die Kritik der Deutschen nicht. Natürlich wird es Verwerfungen geben, aber sie werden wohl relativ klein sein. Zwischen den USA und der EU sind die Unterschiede in der Produktionsstruktur nicht so groß wie zwischen einem Industrie- und einem Entwicklungsland, wo die Marktöffnung leicht kleine, nicht wettbewerbsfähige Betriebe in den Ruin treiben könnte.

ZEIT ONLINE: Die Gewinne wiegen die Verluste auf?

Quick: Mehr als das. Zum Beispiel bei uns in der Chemiebranche: Erdgas kostet in den USA nur ein Drittel des europäischen Preises und auch Erdöl ist billiger – beides ist ein Basisrohstoff für unsere Produkte. Der Preisunterschied bringt der US-Konkurrenz natürlich immense Vorteile. Trotzdem sind wir der Meinung: Unterm Strich nützt TTIP der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Was erhofft sich die chemische Industrie konkret?

Quick: Wir setzen auf mehr Exporte durch den Wegfall der Zölle. Für uns ist das ein sehr wichtiger Punkt. Jedes Jahr zahlen Chemieunternehmen aus den USA und aus der EU schätzungsweise 1,6 Milliarden Euro an Zöllen in die Kassen des jeweils anderen ein – dabei finden 40 Prozent des dadurch belasteten Handels innerhalb der Konzerne statt. Hinzu kommen noch nicht tarifäre Handelshemmnisse, etwa wenn es um Standards für Prüfmethoden geht. Aber deren monetären Wert kann man kaum berechnen.

ZEIT ONLINE: Sie beraten die Europäische Kommission in den Freihandelsgesprächen. Können Sie die Kritik an den Verhandlungen nachvollziehen?