Die Medizin folgt dem Geld, nicht den Kranken. Zu diesem Urteil kann kommen, wer betrachtet, wie sich Arztpraxen in deutschen Großstädten verteilen. Die Städte sind in reich und arm geteilt: Wo Menschen viel Geld verdienen, gibt es viele Ärzte. Wo sie ärmer sind, wird die Stadt in der Tendenz ärzteleer.

ZEIT ONLINE hat die Standorte aller Facharztgruppen und Psychotherapeuten in Berlin, Hamburg, Köln und München ausgewertet und mit den Kaufkraftdaten und der Einwohnerzahl der einzelnen Postleitzahlbezirke in Zusammenhang gestellt. Die Karten zeigen ein deutliches Bild: Kassenpatienten werden selbst in den Großstädten, in denen es nominell mehr als genug Ärzte gibt, nicht gleichmäßig gut versorgt. Stattdessen werden die Bewohner besserer Stadtteile bevorzugt. Das Missverhältnis gilt auch, wenn in den armen Stadtteilen mehr Menschen leben als in den reicheren.

An diesem Missverhältnis ist ein überkommenes Gesundheitssystem schuld, das in seiner Grundstruktur noch Regeln aus den siebziger Jahren folgt. Es orientiert sich nicht an der geografischen Verteilung der Versicherten oder der Häufigkeit von Krankheiten, sondern überlässt es allein dem Arzt, wo in einer Großstadt er sich niederlässt. Nicht das Patientenwohl regelt die ambulante Versorgung, sondern allein die Marktwirtschaft. Ärzte suchen besonders die Standorte, die einen hohen Anteil an privat versicherten Patienten versprechen. Obwohl bekannt ist, dass ärmere Menschen häufiger krank sind, genauso wie jene, die in sozial belasteten Vierteln wohnen.

Da aber für Ärzte wie für alle Unternehmer die Niederlassungsfreiheit gilt, ist es kaum mehr möglich, dieses Ungleichgewicht auszugleichen. Niemand kann Arztpraxen dazu zwingen, umzuziehen. Die einzige Möglichkeit ist bislang, frei werdende Kassensitze durch die Kassenärztliche Vereinigungen aufzukaufen und bei Neuzulassungen Standorte festzulegen. Selbst bei gutem Willen wird es Jahre und Jahrzehnte dauern, bis sich eine Veränderung zeigt. So lange bleibt der Gleichheitsanspruch der Gesetzlichen Krankenversicherung in vielen Städten ein frommer Wunsch.

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