Uli Hoeneß bespricht sich vor Prozessbeginn mit seinem Anwalt Hanns W. Feigen. © Matthias Schrader/Pool/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Fathieh, Uli Hoeneß hat zugegeben, mehr als 18 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben. In der Anklage hingegen war nur von 3,5 Millionen die Rede. Ist jetzt eine Gefängnisstrafe überhaupt noch zu verhindern?

Kian Fathieh: Das ist in der Tat eine äußerst hohe Summe. Der Bundesgerichtshof hat in einem Grundsatzurteil entschieden, dass Beträge über eine Million Euro grundsätzlich mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden müssen. Es wird deshalb sehr eng für Herrn Hoeneß.

ZEIT ONLINE: Hoeneß' Anwälte sagen, die höhere Summe sei in der Selbstanzeige enthalten gewesen. Die Staatsanwaltschaft hat das aber offensichtlich anders gesehen. Wie kann so eine Differenz entstehen?

Fathieh: Bei einer Selbstanzeige ist es entscheidend, dass das komplette Material vollständig offengelegt wird, und zwar so gut aufbereitet, dass klar wird, wieso welche Steuerschuld entstanden ist. Zu Differenzen kommt es immer dann, wenn die Staatsanwaltschaft Sachverhalte anders bewertet als die Verteidigung. Im Fall Hoeneß ist die Differenz aber ungewöhnlich hoch. Mir ist nicht bekannt, dass es eine solche Größenordnung in einem Steuerprozess jemals gab.

"Man hat nur einen Schuss"

ZEIT ONLINE: Wie sieht eine Selbstanzeige normalerweise aus? Muss der Steuersünder den gesamten hinterzogenen Betrag genau nennen?

Fathieh: Im Falle einer Selbstanzeige ist man verpflichtet, eine Nacherklärung abzugeben. Sie muss das komplette Material enthalten und alles lückenlos dokumentieren. Es handelt sich dabei um eine sehr komplizierte Rechtmaterie, bei denen man hohe Sorgfalt walten lassen muss, um nichts zu vergessen. Die Summe muss sich aus den Unterlagen berechnen lassen. Im Nachhinein dürfen keine neuen Informationen dazukommen, die die Steuerschuld nochmals erhöhen.

ZEIT ONLINE: Uli Hoeneß hat die Selbstanzeige wohl mit seinem Sohn und zwei Anwälten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zusammengeschustert. Kann man so etwas in nur einer Nacht schaffen?

Fathieh: Das kann ich mir kaum vorstellen. Von allem, was ich bisher über den Fall gelesen habe, erscheint mir sehr komplex. Es ist notwendig, detailliert alle Unterlagen und Informationen zusammenzutragen. Wenn es ganz schnell gehen muss und man professionelle Hilfe hat, lässt sich das in wenigen Tagen schaffen. Es in einer Nacht zu tun, kann ich auf keinen Fall empfehlen. Man hat nur einen Schuss – geht der daneben, ist es aus.

ZEIT ONLINE: Der stern war Hoeneß auf der Spur, er stand wohl unter extremen Zeitdruck, die Selbstanzeige schnellstmöglich fertig zu bekommen. Was hätte er denn sonst tun sollen?

Fathieh: Es gibt die Möglichkeit einer abgestuften Selbstanzeige. Dabei gibt man eine Schätzung über die Steuerschuld ab, die auf keinen Fall überschritten wird. Also der schlimmste Fall plus zehn Prozent. Hat man diese Selbstanzeige abgegeben, kann man die detaillierte Auskunft mit allen Unterlagen nachreichen. Ich verstehe nicht, wieso Herr Hoeneß und seine Anwälte das nicht getan haben.

ZEIT ONLINE: Mit welchem Strafmaß muss Uli Hoeneß jetzt mindestens rechnen?

Fathieh: Er hat richtig gehandelt, indem er alle Karten auf den Tisch gelegt hat. Das Gericht kann das strafmildernd berücksichtigen. Auch wenn eine Ferndiagnose schwierig ist: Das unterste Maß für Herrn Hoeneß dürfte eine Freiheitsstrafe auf Bewährung sein. Es kann aber auch ziemlich brenzlig werden. Ich halte eine Gefängnisstrafe für wahrscheinlich.