Eine Straßenszene in Havanna © Pascal Deloche/dpa

Weiße Sneakers waren der Grund für ihr erstes Mal. Daniela hatte sie in einer US-Fernsehserie gesehen und wollte sie unbedingt haben. Doch Geld hatte sie keines. Der damals 12-Jährigen blieb nur ein Weg, an die Schuhe zu kommen: Sie zog mit ihren Freundinnen in einen Nachtclub in Havanna, lernte einen Spanier kennen und hatte Sex mit ihm. Am nächsten Tag ging er mit ihr einkaufen.

Die Schuhe waren eigentlich nicht teuer, aber im sozialistischen Kuba sind Kleidungsstücke oft nur gegen Devisen zu haben. Für ein durchschnittliches Schulkind sind sie damit unbezahlbar.

Heute ist Daniela 17. Mit übereinandergeschlagenen dünnen Beinen sitzt sie in einem schmalen Hinterhof im Stadtteil Havanna Vieja. Hier bröckelt der Putz von den Wänden, Türen und Wände sind nicht dicker als Pappkartons, und Drahtbügel dienen als Ersatz für Fernsehantennen. Daniela trägt ein viel zu kurzes, leuchtend rosa Kleid. Bis heute verdient sie ihr Geld damit, mit Ausländern zu schlafen. Es sei besser, als in einem Staatsbetrieb zu schuften, sagt sie. Alle paar Minuten schielt sie auf ihr Smartphone, während sie von ihrem Job erzählt.

Für die Menschen um Daniela ist der Alltag ein Kampf um die nötigsten Dinge. Alles dreht sich darum, irgendwie an ein paar Devisen zu kommen, für Kleidung, Hygieneartikel oder andere Importwaren. Hunger leiden allerdings nur wenige, denn prinzipiell garantieren Lebensmittelkarten die Grundversorgung.

Prostituierte arbeiten für fünf Dollar 

Daniela sei allerdings keine Prostituierte im eigentlichen Sinne, sagt Amir Valle. Die arbeiteten für weniger als fünf Dollar in Hinterzimmern, "wenn sie Hunger haben, sogar für noch weniger". Daniela gehöre vielmehr zu den Jineteras, den "Reiterinnen". So nennt man auf Kuba ganz allgemein die Frauen, die ihren Profit aus den Touristen schlagen, die die Insel besuchen.

Amir Valle beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Jineteras. Er schrieb das Buch Habana Babilonia, einen Band aus Interviews mit Jineteras, Freiern und Zuhältern. Im Jahr 2005 ging der heute 47-Jährige  damit auf Lesereise nach Spanien. Das Regime ließ ihn nicht wieder zurück: Valles offene Darstellungen waren unerwünscht. Seit 2006 lebt Valle nun in Berlin, unterstützt wird er von der Schriftstellervereinigung PEN.

Jineteras, oder, in der männlichen Form, Jineteros, gebe es in Kuba seit Jahrhunderten, erklärt Valle. Es sei den Kubanern immer darum gegangen, Profit aus den jeweiligen Besatzern zu schlagen, ob das nun Spanier oder Amerikaner waren. Man wolle eben das Beste aus den schwierigen Umständen machen.

Dabei geht es nicht immer um Sex. Viele Jineteras heften sich an Touristen, "satteln sie", und drehen ihnen eine Stadtführung, ein Abendessen oder eine Unterkunft an. Im Gegenzug lassen sie sich dann zum Essen oder einen Cocktail einladen. Vielleicht erhalten sie später auch ein Paket mit begehrten Waren aus Übersee. Allerdings: Oft läuft es auf Sex hinaus, auch weil viele Touristen genau das suchen.

Die Freier tauschen sich in Internetforen aus. Dort berichten sie, wie leicht es sei, in Kuba "einen Fang zu machen". Vielen von ihnen kommen aus Kanada, Spanien oder Italien, aber auch aus Deutschland reisen immer mehr Sextouristen an. Insgesamt ziehe es jährlich etwa 400.000 Deutsche in den Sexurlaub, schätzt die Organisation Missio. Die Karibik gehöre zu den Hauptzielen. Seit sich Kuba für das Ausland öffnet, wird es auch unter Sextouristen immer beliebter.

Offene Sexualmoral

Hinzukommt die relativ offene Sexualmoral auf der Insel. Kaum ein Kind wächst in Kuba mit seinem leiblichen Vater auf, niemand erwartet von einer Frau, dass sie jungfräulich in die Ehe geht. Die Sozialisten haben die Rechte der Frauen und ihre wirtschaftliche Stellung noch gestärkt. Zwar sind die meisten Kubaner offiziell Katholiken. Doch im täglichen Leben spielen die kirchlichen Moralvorstellungen keine Rolle. Abtreibungen sind problemlos möglich, Scheidungen sehr häufig und Kondome auch für Daniela selbstverständlich.

Einst waren die Revolutionäre um Fidel Castro angetreten, die allgegenwärtige Prostitution unter dem damaligen Diktator Batista zu beseitigen. Nach ihrem Sieg verschärften sie die Gesetze. Bis heute ist es Kubanern verboten, Touristen zu "belästigen", sie auch nur anzusprechen. Die Jineteras verschwanden vorübergehend von den Straßen – bis in den 1990ern mit dem Ende der Sowjetunion auch in Kuba die Wirtschaft zusammenbrach.

Spätestens seit dem Einsetzen des Massentourismus stehen die Jineteras nun wieder in fast allen Bars, Clubs, Hotels oder auf der Straße. Völlig verschwunden war der Jineterismo aber nie, sagt Valle. Für viele Kubaner sei es völlig normal, sich für eine Extraration, einen Posten oder eine Beförderung mit einer Dienstleistung zu "bedanken" oder sich im Vorhinein für Zuwendungen zu "empfehlen". Valle glaubt: Solange sich die materielle Lage der Menschen nicht verbessere, werde es nichts bringen, die Prostitution zu verbieten.