Ein Mindestlohn würde auch vielen deutschen Praktikanten helfen. Zurzeit sieht es jedoch so aus, als wollten die verantwortlichen Politiker Praktikanten vom Mindestlohn ausnehmen. Dabei hätten gerade sie eine gesetzliche Regelung für eine angemessene Bezahlung nötig, denn sie sind mit am stärksten von unwürdiger Entlohnung betroffen.

Ich habe das selbst im Europäischen Parlament in Brüssel erlebt. Die Praktika in den Büros der deutschen Abgeordneten sind begehrt: Sie gelten als Karrieresprungbretter und sind gut für den Lebenslauf – nicht jedoch für den Geldbeutel. Viele Abgeordnete der Union etwa zahlen ihren Praktikanten, für die hiesiges Arbeitsrecht gilt, gar kein Gehalt. Bei anderen Parteien gibt es oft immerhin ein paar Hundert Euro.

Dabei sind Abgeordnete durchaus auf ihre Praktikanten angewiesen: Sie beantworten Bürgeranfragen, schreiben Newsletter oder betreuen Besuchergruppen, erledigen also Arbeiten, die sonst angestellte Mitarbeiter übernehmen müssten. Dass sich viele der Praktikanten dann schon über einen Stundenlohn von etwa 2,50 € freuen, zeigt wie akut das Problem ist. Eine Wohnung kann man sich davon in Brüssel vielleicht noch leisten, alle Lebenshaltungskosten deckt die Bezahlung jedoch bei Weitem nicht. Ähnlich wie beim Europäischen Parlament sieht es auch in deutschen Ministerien und vielen Nichtregierungsorganisationen aus.

Praktikanten würde ein Mindestlohn deshalb ungemein helfen. Aus mindestens zwei Gründen sollte ihnen dieser nicht vorenthalten werden:

Erstens geht es um Fairness bei der Karriere. Ein Bildungsaufsteiger mit einkommensschwachen Eltern kann sich ein unbezahltes Praktikum wohl eher nicht leisten. Angesehene Praktika sind aber häufig unerlässlich, um nach dem Studium einen Job zu finden. Wenn die aber nur vorweisen kann, wer sowieso schon aus einem guten Elternhaus kommt, dann verhindert das sozialen Aufstieg.

Zweitens geht es beim Mindestlohn um die Wertschätzung der Arbeit. Eine faire Entlohnung zeigt Menschen, dass ihre Tätigkeit anerkannt wird. Auch Praktikanten sind Menschen. Wie reguläre Arbeitnehmer auch, leisten sie etwas und opfern ihre Zeit.

Praktikanten haben keine Lobby, sie sind nicht organisiert. Ministerien und andere Behörden haben offenbar kein Interesse daran, ihren Praktikanten in Zukunft höhere Gehälter zu zahlen. Wenn der Mindestlohn aber Fairness schaffen will, dann muss das auch für Praktikanten gelten. Gelingt das nicht, hat der Mindestlohn sein Ziel bereits vor dem Start verfehlt.