Der Prozess wegen Steuerhinterziehung gegen Uli Hoeneß steht vor dem Abschluss. Nachdem zu Beginn dieses vierten Verhandlungstags keine neuen Beweisanträge gestellt wurden, hat das Gericht die Beweisaufnahme endgültig geschlossen. Im Anschluss hielten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers, am Nachmittag dann wird das Landgericht München II sein Urteil gegen den Präsidenten des FC Bayern München sprechen.

Bei den Plädoyers machte Staatsanwalt Achim von Engel den Anfang. Er nannte den Hoeneß-Fall "einen besonders schweren Fall von Steuerhinterziehung" und forderte eine Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten. Bei der Selbstanzeige des Angeklagten sprach er von einem "Schnellschuss", die die Schuld des Angeklagten nicht wesentlich mindern würde. "Eine wirksame Selbstanzeige, die die Verfolgung verhindern würde, liegt nicht vor", sagte von Engel. Eine Selbstanzeige müsse zumindest so viele Angaben erhalten wie eine Steuererklärung. "Das ist bis heute nicht der Fall." Die notwendigen Unterlagen seien zunächst lückenhaft gewesen und dann zu spät vorgelegt worden.

Milderungsumstände ließ der Staatsanwalt nicht zu. Für Hoeneß spreche zwar, dass er ein Geständnis abgelegt habe, nicht vorbestraft sei und unter einer großen psychischen Belastung stehe, sagte von Engel und räumte ein, dass der Prozess einen "gewaltigen medialen Wirbelsturm" ausgelöst und Hoeneß öffentlich am Pranger gestanden habe. Gewichtige Milderungsgründe, die eine Bewährungsstrafe rechtfertigen würden, seien das aber nicht. Auch seine "Lebensleistung" helfe ihm nicht: In der Zeit, in der Hoeneß in Deutschland 25 Millionen Steuern gezahlt habe, habe er in der Schweiz mehr als 27 Millionen hinterzogen.

"Der stern ist keine Behörde"

Nach der Staatsanwaltschaft ergriff Hoeneß' Verteidiger Hanns W. Feigen das Wort und forderte die Einstellung des Verfahrens und im schlimmsten Fall "höchstens eine Bewährungsstrafe" für seinen Mandanten. Auch falls das Gericht Hoeneß' Selbstanzeige vom 17. Januar 2013 für nicht wirksam halte, sei eine solche Bewährungsstrafe "tat- und schuldangemessen". Halte das Gericht die Selbstanzeige dagegen tatsächlich für wirksam, müsse das Verfahren eingestellt werden. An den Staatsanwalt gerichtet sagte er, die beantragte Strafe von fünfeinhalb Jahren sei "in der Oktave für völlig verfehlt".

Feigen argumentierte, dass der Angeklagte seine Selbstanzeige eingereicht habe, als die Tat noch gar nicht entdeckt worden sei. Der Anwalt führte aus, dass der Bayern-Manager zwar auf die damaligen Recherchen des Magazins stern reagiert habe. "Aber der stern ist keine Behörde." Die Selbstanzeige habe lediglich kleinere Fehler enthalten, sei aber an sich wirksam und erfülle inhaltlich alle Voraussetzungen, die der Gesetzgeber und der Bundesgerichtshof verlangen. Im Übrigen, so der Verteidieger, werde "die Tat überlagert von einer vollständigen Rückkehr zur Steuerehrlichkeit".  Den 17. Januar 2013 bezeichnete er als "Stunde Null dieses Verfahrens", als Zeitpunkt der "Rückkehr des Herrn Hoeneß zur Steuerehrlichkeit".


Auch Feigen ging auf die persönliche Situation seines Mandanten seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe ein. Hoeneß, so sein Anwalt, habe durch die Empörung in der Öffentlichkeit gelitten. "Das Urteil scheint schon außerhalb dieses Gerichtssaals getroffen worden zu sein", sagte der Jurist. "Idioten standen am Zaun. Idioten haben Drohbriefe geschrieben bis hin zu Morddrohungen." Außerdem seien die Gewinne, auf die seinerzeit die Steuern angefallen seien, längst verloren. Die Nachzahlung müsse Hoeneß nun aus anderen Mitteln aufbringen und werde dies auch tun – "unter Aufbietung aller Kräfte".

Beide Seiten können in Revision gehen 

Auch Hoeneß selbst konnte sich in einem persönlichen Schlusswort äußern. allerdings verzichtete er weitere Ausführungen und schloss sich dem Plädoyer seines Anwalts an. "Ich habe dem Vortrag von meinem Verteidiger nichts hinzuzufügen", sagte er. "Er hat alles gesagt, was ich nicht besser hätte formulieren können."

Hoeneß ist wegen Steuerhinterziehung über zwei Konten bei der Schweizer Bank Vontobel angeklagt. Die Staatsanwaltschaft bezifferte die Schadenssumme in ihrer Anklageschrift auf 3,5 Millionen Euro. Bereits am ersten Verhandlungstag korrigierte Hoeneß selbst diese Summe aber um 15 Millionen Euro nach oben. Doch auch dieser neue Betrag hatte nicht lange Bestand: Eine Steuerfahnderin aus Rosenheim sagte am Dienstag im Prozess aus, dass Hoeneß dem deutschen Fiskus insgesamt 27,2 Millionen Euro schuldet – eine Schadenssumme, die sowohl das Gericht als auch die Verteidigung als "sachgerecht" anerkannt hatten und die damit grundlegend für das Urteil des Gerichts ist.


Sollte sich das Gericht der Argumentation der Anklage anschließen, droht dem 62-Jährigen im Extremfall eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Voraussetzung für diese maximale Haftstrafe ist, dass Richter Rupert Heindl den von der Staatsanwaltschaft propagierten "besonders schweren Fall von Steuerhinterziehung" bejaht. Der andere Extremfall wäre, wenn das Gericht Hoeneß' Selbstanzeige doch anerkennt. Dann könnte das Verfahren auch eingestellt werden und der Angeklagte damit straffrei bleiben. In jedem Fall können sowohl die Anwälte von Hoeneß als auch die Staatsanwälte in Revision gehen. Dann wäre der Bundesgerichtshof in Karlsruhe die nächste Instanz.   

Hoeneß muss zweistellige Millionensumme nachzahlen

Um die Begleichung der Steuerschuld kommt Hoeneß in keinem Fall herum. Im Fall einer Verurteilung kämen zu der tatsächlichen Schadenssumme in Höhe von rund 30 Millionen Euro noch jährliche Zinsen von sechs Prozent hinzu. In diesem Fall müsste der Bayern-Manager um die 50 Millionen Euro nachzahlen. Dieser Wert würde sich noch erhöhen, sollte Richter Heindl das Verfahren einstellen. Dann nämlich würden Zinsen von elf Prozent pro Jahr geltend gemacht und die Steuerschuld würde sich dann auf rund 70 Millionen Euro erhöhen.

Unabhängig vom fiskalischen und juristischen Ausgang des Verfahrens fordern immer mehr Politiker Hoeneß' Rücktritt von seinen Spitzenämtern beim FC Bayern. Die Aufsichtsräte der FC Bayern AG dagegen wollen weiterhin das Urteil abwarten, ehe sie eine Entscheidung über ihren Vorsitzenden treffen.