Dimitar Todorov, ein Rom aus der bulgarischen Stadt Plewna wärmt sich in einer früheren Fabrik in Berlin auf. © Reuters / Thomas Peter

Wer bei Google etwas sucht, dem macht die Maschine Vorschläge, die auf häufig gesuchten Wortkombinationen basieren. Wer etwa "Rumänen und Bulgaren" googelt, dem zeigt der Computer "rumänen und bulgaren kommen" und "rumänen und bulgaren raus".

So ist die Stimmung in Deutschland. Sie wird genährt durch Reportagen von achtköpfigen Roma-Familien auf Dortmunder Matratzenlagern und Straßenzügen voller Armut und Kriminalität. Jetzt platzt eine neue Meldung in die Diskussion: Immer mehr Bulgaren und Rumänen beziehen in Deutschland Hartz IV. Im November stieg ihre Zahl auf knapp 44.000; im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einer Steigerung von über 50 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen aus beiden Ländern hingegen ist nur halb so stark gestiegen. Das zeigt eine Erhebung der Bundesagentur für Arbeit (BA), die ZEIT ONLINE vorliegt.

Es scheinen astronomische Zahlen zu sein. In keiner anderen Gruppe, bezogen auf die Herkunftsländer, stieg die Zahl der Hartz-IV-Empfänger prozentual gesehen so stark an. Unter den Einwanderern aus anderen osteuropäischen Ländern, wie Polen und Tschechien, kletterte die Anzahl der Sozialleistungsbezieher nur um rund ein Fünftel.  

Doch im Durchschnitt beziehen rumänische und bulgarische Einwanderer deutlich weniger Sozialleistungen als andere Ausländer. Während die Quote insgesamt bei rund 16 Prozent liegt, sind es unter den Rumänen und Bulgaren nur knapp zehn Prozent, die Hartz-IV bekommen. Und insgesamt machen sie nur einen verschwindend geringen Anteil aller Hartz-IV-Empfänger aus: es sind genau 0,7 Prozent. Für das deutsche Sozialsystem spielen sie also praktisch keine Rolle.  

Aufstocken ist nötig – der Lohn reicht nicht

Das Bild des Sozialtouristen aus dem Osten ist in den meisten Fällen nicht nur falsch, sondern auch unfair. Denn der Bezug von Hartz IV bedeutet nicht zwangsläufig, dass man keine Arbeit hat. Vielfach wird diese Arbeit einfach nur miserabel bezahlt.

Hartz-IV-Empfänger aus Rumänien und Bulgarien sind überdurchschnittlich oft nicht arbeitslos, sondern verdienen so wenig, dass es nicht zum Leben reicht. Dann muss der niedrige Lohn mit Staatsgeld aufgestockt werden. Laut einer Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit bezogen im Juni 2013 rund 27.000 Rumänen und Bulgaren Hartz IV. Von ihnen gingen fast 36 Prozent arbeiten. Zum Vergleich: Von den insgesamt 4,45 Millionen erwerbsfähigen Arbeitslosengeld-II-Empfängern in Deutschland mussten zum selben Zeitpunkt lediglich knapp 30 Prozent ihren geringen Verdienst mit Hartz IV aufstocken. Der Arbeitswille, der den Bulgaren und Rumänen von Scharfmachern in der CSU abgesprochen wird, ist also offenbar da.

Doch die Furcht vor einer Überschwemmung der Sozialsysteme ist nicht neu. Als sich die EU für Polen öffnete, war die Angst ebenfalls groß – und unbegründet. Die Klempner, Ärzte und Bauarbeiter zogen direkt weiter nach Großbritannien. Deutschland war vielen nicht attraktiv genug.