Vor ein paar Tagen kam es zwischen Angela Merkel und Sigmar Gabriel zu einem vermeintlichen Disput. Am Rande eines Politikerbesuchs hatte die Bundeskanzlerin gesagt, Europa ziehe aus der Krim-Krise Konsequenzen und werde langfristig die Abhängigkeit von russischer Energie verringern. Der Wirtschaftsminister erklärte wenige Stunden später, zur Gaseinfuhr aus Russland gebe es "keine vernünftige Alternative".  Ein Widerspruch?

In Wirklichkeit liegen beide inhaltlich viel näher beieinander, als es den Anschein hat. Denn auch in den kommenden Jahren wird Europa nicht ohne russisches Gas auskommen – was aber nicht bedeutet, dass Deutschland auf lange Sicht die Suche nach Alternativen einstellen sollte. Das weiß Merkel ebenso wie Gabriel. "Kurzfristig ist eine gesicherte Energieversorgung ohne Russland nicht machbar, auch mittelfristig wird sie nur mit Russland komfortabel sein", ist sich die Energieexpertin Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik sicher. Auch Christian Growitsch, Direktor am Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln, geht davon aus, dass Russland mindestens bis 2020 wichtiger Gaslieferant für Deutschland bleiben wird. 

Das Gas floss auch im Kalten Krieg

Zwar droht Russlands Präsident Wladimir Putin damit, der finanziell angeschlagenen Ukraine Gas nur gegen Vorkasse zu liefern – was auch Auswirkungen auf die Versorgung Europas haben könnte. Schließlich ist die Ukraine das wichtigste Transitland für Gas aus Russland. Allerdings dürfte Putin nicht im Traum daran denken, Europa den Gashahn abzudrehen. Ohne die Profite der staatlichen Energiekonzerne würde Moskaus Haushalt in kürzester Zeit kollabieren. Selbst in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges ließen die Russen die Leitungen offen.  

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Natürlich kann Deutschland entscheiden, einfach kurzfristig auf russisches Gas zu verzichten  – beispielsweise im Rahmen von schärferen Wirtschaftssanktionen gegen Moskau. Jedem Deutschen – sei er Unternehmer oder Privatmann – würde jedoch sofort eine höhere Rechnung seines Energieversorgers in Haus flattern. Wie viel ein dreimonatiges Gas-Embargo kosten würde, haben die Wissenschaftler am Energiewirtschaftlichen Institut in Köln ausgerechnet. Die Länder im Kerneuropa kämen erstaunlich glimpflich weg. Die Kölner rechnen mit einem Anstieg der Preise um lediglich fünf bis zehn Prozent. Ganz anders sähe es aber in osteuropäischen Ländern wie Polen und Ungarn aus: Hier dürften mindestens 20 Prozent dazukommen. 

Die relativ moderaten Zuwächse in Zentraleuropa hängen auch mit der Jahreszeit zusammen. Nach dem relativ milden Winter sind die Speicher gut gefüllt, zudem steht der Sommer bevor, in dem wenig geheizt wird. Je später ein Embargo in Kraft träte, desto härter träfe es Firmen und Privatleute. Ein Einfuhrstopp zum Herbst dürfte die Preise in Kontinentaleuropa gleich um 10 bis 20 Prozent, im Süden und Osten sogar um 20 bis 30 Prozent in die Höhe treiben.