Frage: Herr Wollseifer, ausgerechnet eine konservativ geführte Regierung plündert die Sozialkassen und erhöht die Löhne. Hätten Sie sich das vor ein paar Monaten träumen lassen?

Peter Wollseifer: Anscheinend spielt die große Koalition das große Wunschkonzert. Viele Töne klingen jedoch falsch. Vor allem in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Frage: Früher war die Union Ihr traditioneller Verbündeter. Das hat sich wohl geändert.

Wollseifer: Die große Koalition hält es offenbar nicht für nötig, auf die Sorgen kleiner und mittlerer Betriebe einzugehen. Wir hoffen nun, dass im parlamentarischen Verfahren bei den Gesetzesvorhaben noch das Schlimmste abgewendet wird.

Frage: Was kommt auf das Handwerk zu?

Wollseifer: Vor allem der Mindestlohn und das Rentenpaket werden uns das Leben schwer machen. Die Rente mit 63 ist eine ungerechte Klientelpolitik – nur die Jahrgänge von 1950 bis 1963 werden begünstigt, alle anderen zahlen drauf. Die Jungen müssen länger arbeiten, höhere Beiträge zahlen und bekommen weniger Rente. Die Rentenerhöhungen werden kleiner ausfallen.

Frage: Norbert Blüm wollte mit Frühverrentungen in den Betrieben Platz schaffen für junge Leute.

Wollseifer: Heute brauchen wir die Älteren in den Betrieben. Es gibt weniger Schulabgänger und Berufsanfänger, vielerorts fehlen uns Fachkräfte. Da können wir auf niemanden verzichten. 400.000 Beschäftigte im Handwerk sind älter als 60. Wenn nur jeder Fünfte davon mit 63 ausscheidet, stehen unsere Firmen vor großen Engpässen.

Frage: Sie sagen 25.000 neue Jobs im Handwerk für dieses Jahr voraus. Ist das in Gefahr?

Wollseifer: Ja. Denn wenn die Beschäftigung steigen soll, müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Davon kann aber nicht die Rede sein. Angesichts der steigenden Belastungen werden sich viele Meister überlegen, ob sie sich neues Personal leisten können.

Frage: Einige in der Union wollen ältere Menschen selbst entscheiden lassen, wann sie in Rente gehen. Welche Handwerker können denn länger als 63 oder 65 arbeiten?

Wollseifer: Wer körperlich nicht mehr kann, muss in Erwerbsminderungsrente gehen. Und für diese Menschen tut die Regierung bei der Reform zu wenig. Doch viele Handwerker sind jenseits der 60 noch fit und werden von den Kunden geschätzt. Ich hatte einen Mitarbeiter, der war 51 Jahre im Betrieb. Wir empfehlen den Firmen, mit Qualifizierungen und Gesundheitsschulungen ihre Leute möglichst lange im Job zu halten. Wir haben auch der Bundesregierung längst vorgeschlagen, mit einer Kombirente einen Anreiz zu setzen, so lange zu arbeiten, wie es geht, womöglich über das Rentenalter hinaus.