Strommasten © dpa

ZEIT ONLINE: Herr Homann, überall gibt es Streit über die Energiewende: Bürger wehren sich gegen neue Stromleitungen, Verbraucherschützer klagen über höhere Preise, Ministerpräsidenten beschweren sich. Sind Sie auch schon genervt?

Jochen Homann: Nein, es war doch klar, was auf uns zukommt. Die Energiewende ist nicht nur ein technisches, juristisches oder energiewirtschaftliches Projekt, sondern vor allem auch ein gesellschaftliches. Wie ein Jongleur muss man viele Bälle in der Luft halten. Das ist doch spannend.

ZEIT ONLINE: Aber, um im Bild zu bleiben: Gerade fallen ja wohl viele Bälle runter.

Homann: Es gibt eben zahlreiche unterschiedliche Interessen. Die einen wehren sich gegen eine Stromleitung, die anderen schauen auf die steigende Stromrechnung oder fürchten um die Versorgungssicherheit. Ich kann verstehen, dass sie Fragen stellen und Antworten erwarten.

ZEIT ONLINE: An vielen Orten wehren sich Bürger gegen neue Monstertrassen, also große Stromleitungen quer durch Deutschland. Was läuft da falsch?

Homann: Monstertrasse ist ein nicht besonders sachdienlicher Begriff derer, die meinen, diese Trassen seien nicht notwendig. Es handelt sich um normale Stromleitungen, die sich optisch nicht wesentlich von den bisherigen Höchstspannungsleitungen unterscheiden.

ZEIT ONLINE: Aber die Masten werden höher und die Korridore breiter sein.

Homann: Zurzeit informieren die Netzbetreiber die Bürger vor Ort über mögliche Trassenkorridore. Damit werden lediglich aus einem Suchraum, der heute bis zu 200 km Breite haben kann, ein oder mehrere schmalere Korridore mit einer Breite von bis zu 1.000 Metern für die späteren Leitungen ausgewählt. Die Leitung, die in dieser Trasse gebaut wird, wird natürlich wesentlich schmaler sein. Auch bei der Höhe der Masten gibt es keine wesentlichen Unterschiede zu den bekannten Leitungen.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind viele Bürger überrascht angesichts der vielen neuen Stromleitungsprojekte.

Homann: Die Netzbetreiber und auch die Bundesnetzagentur informieren seit mindestens zwei Jahren in Deutschland – per Internet aber auch auf Veranstaltungen vor Ort. Inzwischen sollte jeder Interessierte Kenntnis haben. Bald stellen die Netzbetreiber bei uns die konkreten Anträge für die Bundesfachplanung, in etwa vergleichbar mit den bisherigen Raumordnungsverfahren. Und wir werden sehr darauf achten, dass die Kommunalpolitik und die breite Öffentlichkeit eingebunden und umfassend informiert sind.

ZEIT ONLINE: Sind wir Deutschen widersprüchlich? Wir finden die Energiewende toll – aber nicht, wenn es etwas kostet und bei uns im Garten passiert.

Homann: Es gibt eine Fülle von Resolutionen aus Gemeinden und Landkreisen: Diese beginnen nahezu alle mit dem Satz: Wir sind für die Energiewende und wir sind für den Leitungsausbau. Und dann folgt ein großes "Aber".

ZEIT ONLINE: Wie reagieren Sie darauf?

Homann: Informieren und erklären. Immer wieder. Und wenn die Kommunen eine bessere Idee haben, sind wir offen dafür. Was aber nicht geht: dass alternative Trassenvorschläge nur zu Lasten des Nachbarn gemacht werden.