Der Vorschlag hatte ein paar Stunden, dann gingen die Genossen dazwischen. Ein Sozialdemokrat nach dem anderen kanzelte die Idee von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) ab, mit einer Sonderabgabe marode Straßen zu sanieren. Der politische Gegner musste nicht mehr aufheulen. Kurz vor der Europawahl will die SPD unter keinen Umständen als Anti-Autofahrer-Partei auffallen.  

Im Kern weist der Vorschlag des Kielers aber auf eine tickende Zeitbombe. Wie das Verkehrsnetz instand gehalten werden kann, ist umstritten. Doch Politiker wie Wissenschaftler sind sich einig: Der Staat müsste deutlich mehr in den Erhalt der Straßen, Brücken und Schienen stecken. Zwar traut sich kaum jemand, Albig bei seiner Schlaglochsteuer beizuspringen. Dessen Satz "Ein Land, in dem die Straßen und Brücken verrotten, wird selber verrotten" würden aber wohl die meisten unterschreiben. Deutschlands Infrastruktur wird auf Verschleiß gefahren.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft spricht in einer Studie davon, "dass die Verkehrsinfrastruktur dabei ist, sich von einem Standortvorteil zu einem Standortproblem zu entwickeln". Bereits heute schränken Straßensperrungen und 60er-Zonen auf Autobahnen Firmen ein: In einer Befragung des Instituts sahen jüngst 64 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit durch Mängel im Straßennetz beeinträchtigt.  

Dabei besitzt Deutschland an sich eine gut ausgebaute Infrastruktur. Zwischen Flensburg und Lörrach schlängeln sich fast 13.000 Kilometer Autobahn, dazu kommen rund 40.000 Kilometer Bundesstraßen, fast 38.000 Kilometer Schienen und 10.000 Kilometer Wasserstraßen. Doch schon seit Jahren geben Landes- und Bundesregierungen immer weniger Geld aus, um das System in Schuss zu halten. Der Anteil dieser Investitionen an der Wirtschaftsleistung ist von 1 Prozent im Jahr 1992 auf 0,7 Prozent zurückgegangen.

Das klingt zunächst nicht dramatisch. Doch gleichzeitig schnellte der Personenverkehr um ein Viertel in die Höhe, der Güterverkehr verdreifachte sich. Der Ausbau der Autobahnen ist praktisch zum Stillstand gekommen. 2011 etwa wurden ganze sechs Kilometer neu gebaut.

Kaum beachtet von der breiten Öffentlichkeit zehrt Deutschland auf, was in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde. Lange dürfte das nicht mehr gutgehen. Im Bericht einer Bund-Länder-Kommission heißt es unmissverständlich: "Der Wirtschaftsstandort Deutschland (...) ist durch den fortschreitenden Substanzverzehr der Verkehrsinfrastruktur ernsthaft gefährdet." In den 174 Seiten steckt eine brisante Botschaft. Die Gefährdung gehe nicht nur von einzelnen maroden Schienen oder Straßen aus. Das Gegenteil ist der Fall – positive Ausnahmen sind praktisch nicht zu finden: Den "fortschreitenden Substanzverzehr" stellen die Gutachter für "alle Verkehrsträger" bei Bund, Ländern, Landkreisen und Gemeinden fest

7,2 Milliarden Euro müssten den Experten zufolge jedes Jahr in Straßen, Schienen und Wasserwege gesteckt werden, "um weitere volkswirtschaftliche Schäden zu vermeiden". Im folgenden stellt ZEIT ONLINE drei Verkehrswege vor, die exemplarisch für den Umgang mit der Infrastruktur in Deutschland stehen.