Der Schornstein ist von Arno Scheuermanns Hof aus gut zu sehen. Schlank und blaugrau steht er auf einem Hügel, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Scheuermanns Hof liegt unten im Tal. Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde hier in Buchen im Odenwald: Jetzt im Frühjahr werden die Felder langsam grün, die Bäume schlagen aus, auf der Weide finden Scheuermanns Tiere wieder leichter Futter. Die nächste Großstadt ist weit entfernt. Nach Heidelberg oder Würzburg sind es rund 70 Kilometer. 

Scheuermann züchtet zusammen mit seiner Frau Ulla Schmidt-Köcher Westernpferde für Sportreiter, außerdem Rinder, Schweine und Schafe für Liebhaber besonderen Fleischs. 80 Tiere sind es insgesamt, "mit Familienanschluss", sagt der Bauer. Er und seine Frau wollen die Tiere "liebevoll und fair" behandeln. Der Hof ist für die beiden so etwas wie ihr Lebenstraum. Wäre da nicht der Schornstein, der in der Nachbarschaft thront. Er gehört zu einem Biomassekraftwerk, das Holzabfälle verbrennt, um Strom und Wärme zu erzeugen.

Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem, sagt Scheuermann, ist die Mülldeponie, auf deren Gelände der Biomassemeiler steht. Auf ihr soll bald Bauschutt aus dem stillgelegten Kernkraftwerk im gut 30 Kilometer entfernten Obrigheim abgeladen werden. Der Schornstein, den er und Ulla Schmidt-Köcher von ihrem Hof aus sehen, erinnert sie täglich daran. Er ist das Symbol einer Nachbarschaft, die kaum gut gehen kann: Hier die Idee von naturnaher, tiergerechter Landwirtschaft – direkt daneben vermutlich bald Schutt vom Kernkraftwerk und damit Überreste einer Technologie, die in Deutschland Ängste weckt wie keine zweite.

Scheuermann und Schmidt-Köcher haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit der Bauschutt nicht in ihrer Nähe abgeladen wird. Sie sind die führenden Personen einer Bürgerinitiative, die dagegen kämpft. Rund 15, vielleicht 20 Mitstreiter hätten sie noch, sagen sie: manche Vollmitglieder, die meisten Helfer. Gemeinsam haben sie im 18.500-Einwohner-Städtchen Buchen mehr als 2.000 Unterschriften gegen den Schutt aus dem Kernkraftwerk gesammelt.

Obrigheim war das zweite Kernkraftwerk, das in Deutschland vom Netz ging: im Mai 2005 war das, wenige Monate bevor Gerhard Schröders rot-grüne Bundesregierung abgewählt wurde. Seitdem wird der Meiler zurückgebaut. 275.000 Tonnen Material werden dadurch frei. Es geht nicht nur um die Brennstäbe, sondern vor allem Bauschutt, Betonreste, Metall. Die große Frage, die sich in allen anderen Kraftwerken auch stellen wird: Wohin damit?

Das meiste wird recycelt

Die deutschen Gesetze haben darauf eine eindeutige Antwort: Was nicht strahlt, muss recycelt werden, etwa im Straßenbau oder im Schrotthandel. Etwa 98 Prozent des Obrigheimer Kernkraftwerks könnten auf diese Art wiederverwertet werde, erklärt der Betreiber EnBW. Die radioaktive Abfälle und die Brennstäbe müssen in ein Endlager.

Übrig bleibt rund ein Prozent: zwei- bis dreitausend Tonnen Bauschutt, dessen Strahlung so gering sein muss, dass die Strahlenschutzverordnung die Lagerung auf der Deponie erlaubt. Rein rechtlich ist die Sache klar. Der Müll, der nach Buchen soll, gilt im amtsdeutschen Jargon als "freigemessen"; das heißt, eine Prüfung hat ergeben, dass die Strahlung innerhalb der Grenzwerte liegt. Und weil der Meiler von Obrigheim sich im gleichen Landkreis befindet wie Buchen und die dortige Deponie die einzige im ganzen Kreis ist, die für solchen Bauschutt zugelassen ist, gibt es juristisch nur eine Möglichkeit: Der Schutt muss nach Buchen.