Die Nachricht ist ein Einschnitt. Egal, was der Anschlag vom 11. September oder der Afghanistan-Krieg mit dem Selbstbewusstsein des Landes gemacht hatten – wer zur Mittelschichte gehörte, der war vorne mit dabei, konnte sich einen Pick-up und ein Haus mit Garten leisten. Denn verglichen mit allen anderen Ländern waren die Nettogehälter höher.

 

Doch diese Rechnung funktioniert nicht mehr. Wie die von der New York Times veröffentlichten Daten 
des Forschungsinstituts LIS (Luxembourg Income Study) zeigen, verdient die kanadische Mittelschicht erstmals mehr. Und nicht nur der nördliche Nachbar hat kräftig aufgeholt. Im Prinzip haben alle großen Industrienationen den Abstand zu den Amerikanern verringert. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Frankreich und Deutschland.

Die deutsche Mittelschicht verdient zwar relativ viel, tritt aber seit Jahren praktisch auf der Stelle. Seit 2000 legte das mittlere Einkommen dieser Bevölkerungsgruppe dem LIS zufolge in Großbritannien und Kanada um knapp 20 Prozent zu. In Irland und den Niederlanden waren es rund 16 beziehungsweise 14 Prozent. Deutschland kommt nur auf ein Mini-Plus von 1,4 Prozent.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist das nicht per se schlecht. Die Zurückhaltung der Tarifparteien in den vergangenen Jahren gilt als einer der Gründe dafür, dass Deutschland vergleichsweise glimpflich durch die Euro-Krise gekommen ist. Während in anderen Ländern sowohl die Schulden wie auch die Zahl der Arbeitslosen in die Höhe schnellten, ist die größte Volkswirtschaft Europas auch das ökonomische Zugpferd des Kontinents.

Doch die wenigsten fragen sich ernsthaft, welchen Beitrag ihr (nicht steigendes) Salär zum gesamtwirtschaftlichen Wohl des Landes beiträgt. Befeuert durch ein provokantes Buch hat sich eine Debatte um die Frage entwickelt, wie gerecht der Kapitalismus ist – und wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft erträgt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hatte erst kürzlich festgestellt, dass die Vermögen in Deutschland so ungleich verteilt sind wie in keinem anderen Land Europas.  

Welche Gesetze hat der Kapitalismus?

In dem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert entwirft der französische Ökonom Thomas Piketty nun das Bild einer Gesellschaft, in der angestammter Besitz und nicht Bildung und Engagement entscheiden. Während der Großteil sich vergeblich abmüht, einen gewissen Reichtum aufzubauen, konzentriert sich das Kapital an anderer Stelle – quasi als Naturgesetz des Kapitalismus. 

Auch in Deutschland ist seit Jahren von einer schrumpfenden Mittelschicht zu lesen. "Seit 1997 gibt es einen klar erkennbaren Rückgang der Mittelschicht", ist sich Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sicher. Doch auch in der Ökonomengemeinde ist das nicht unstrittig. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft widerspricht: Die Mittelschicht sei in etwa so groß wie kurz nach der Wiedervereinigung. 

Ein Grund für die unterschiedlichen Einschätzungen sind nicht nur unterschiedliche Daten als Grundlage, sondern schlicht unterschiedliche Definitionen. Wer oder was die Mittelschicht eigentlich genau ist, lässt sich nämlich nur schwer sagen. Gehört der schlechtverdienende Kellner dazu, der bald die Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf erben wird? Was ist mit dem Taxifahrer, der sich nur eine kleine Mietwohnung leisten kann – aber in Germanistik promoviert hat? Grabka hat einen pragmatischen Ansatz gewählt und misst schlicht die Einkommen – Bildung oder Berufsklassen spielen bei seiner Mittelstandsdefinition keine Rolle.

Wer gehört zur Mittelschicht?

Zur Mittelschicht gehört ein Haushalt demnach, wenn er über 70 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. In Deutschland sind das bei einem Ein-Personen-Haushalt 1.150 bis 2.400 Euro netto im Monat. Bei einer vierköpfigen Familie mit zwei kleinen Kindern liegt die Spanne zwischen 2.400 und 5.100 Euro. Fast 60 Prozent der Deutschen sind demnach Teil der Mittelschicht. Andere Wirtschaftsforscher – zum Beispiel vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln – definieren die Gruppe soziokulturell. Demnach gehört dazu, wer mindestens die mittlere Reife und eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann. Wissenschaftler, freiberufliche Ärzte und Beamte mit Führungsfunktion gehören bei diesem Modell bereits zur "soziokulturellen Oberschicht".   

Die Differenzierung mag auf den ersten Blick kleinkrämerisch wirken. Tatsächlich sind die unterschiedlichen Definitionen ein Grund dafür, dass es seit Jahren scheinbar widersprüchliche Angaben zur Entwicklung der "Mitte" gibt. Wer von Mittelschicht spricht, meint eben nicht immer dasselbe.

Bei allen Diskussionen wird zudem schnell die Frage vergessen, wie man Reichtum und Teilhabe eigentlich misst: Vermögen oder Einkommen?

Die einen bewerten das Aktienpaket und das Haus, die anderen den Gehaltsscheck. Denn richtig ist: Die Vermögen sind in Deutschland extrem ungleich verteilt. Das bedeutet aber nicht, dass die Einkommensschere auseinander geht. Das Gegenteil ist der Fall: Während die Ungleichheit bei den Einkommen von der Wiedervereinigung bis 2005 stieg, nahm sie danach laut DIW-Daten wieder ab. Die Frage, wie es einem im Vergleich zu anderen geht, ist also immer auch eine Sache der Perspektive.