Eine Frau hält das Porträt ihres Sohnes in die Kamera. Er starb beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza. © Andrew Biraj/Reuters

An diesem Donnerstag wird sich in einem kleinen Büro in der Genfer Innenstadt entscheiden, ob die Gerechtigkeit doch noch einen Sieg erringt. Oder wenigstens der Anstand. Es geht um einen Präzedenzfall für die internationale Textilbranche, einer Industrie, in der das Machtgefälle so tief ist wie in keiner anderen Branche auf der Welt. Obwohl um vergleichsweise wenig Geld gestritten wird, geht es also um viel.

Seit September versucht eine kleine Gruppe von Gewerkschaftern, Aktivisten und Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf Geld einzutreiben für die Opfer eines der größten Industrieunglücke der vergangenen Jahrzehnte: des Einsturzes der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013, vor fast genau einem Jahr. Mehr als 1.130 Menschen starben in den Trümmern, Hunderte Näherinnen der Fabrik verloren eine Hand, einen Arm, ein Bein. Viele werden nie mehr arbeiten können.

Es ist ein groß angelegter Plan, der die Unterstützung fast aller relevanten Kräfte hat: der Regierung in Bangladesch, der Gewerkschaften und sogar der Arbeitgeberverbände im Land. Erstmals sollen die Opfer nicht nach einem willkürlichen Verfahren, wie bei früheren Katastrophen in Entwicklungsländern, sondern nach strengen Regeln entschädigt werden. Aufgestellt wurden sie unter dem Dach der ILO.

Bis zum Jahrestag an diesem Donnertag sollen in einem Fonds 40 Millionen Dollar gesammelt werden, eine absolute Minimalentschädigung. Dann sollen endlich Hilfen an die Opfer fließen: Geld für Operationen, Arztbesuche sowie einen Teil des Lohnes, damit die Versehrten unter den früheren Näherinnen weiter ihren Lebensunterhalt bestreiten können. "Es wäre nicht nur ein Mindestmaß an Gerechtigkeit", sagt Ineke Zeldenrust, eine Aktivistin für faire Arbeitsbedingungen in der Textilbranche. "Wir hätten auch zum ersten Mal einen Mechanismus, der geordnete Entschädigungen von Textilarbeitern in den Produktionsländern ermöglicht."

Zeldenrust und andere Aktivisten haben in den vergangenen Monaten nachweisen können, dass mindestens 28 westliche Unternehmen in Rana Plaza produzieren ließen: große Firmen wie C&A, Mango oder KiK, aber auch deutsche Mittelständler wie NKD, Güldenpfennig oder Adler Modemärkte. Zusammen erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von mehr als 20 Milliarden Dollar – mehr als die hundertfache Summe dessen, was der Fonds benötigen würde. Man weiß heute, dass die Arbeitsbedingungen in Rana Plaza unmenschlich und Überstunden die Regel waren. Dass Arbeiterinnen geschlagen wurden. Dass es keinen ausreichenden Brandschutz gab und auch zu wenig Notausgänge. Dass die Fabrik so marode war, dass sie irgendwann einstürzen musste.

Die Näherinnen warten noch heute auf Entschädigung

Dennoch weigert sich die Industrie, die notwendige Summe einzuzahlen. Bis heute enthält der Hilfsfonds lediglich 15 Millionen Dollar, also weniger als die Hälfte der benötigten Summe. Die eingezahlte Summe ist auch nur deshalb so hoch, weil der irische Textilkonzern Primark mehr als sieben Millionen Dollar gab. "Wir sind fassungslos über das Ausmaß der Tatenlosigkeit", sagt Zeldenrust. "Es wäre für die Unternehmen ein Leichtes zu helfen".

Shila Begum sitzt in einem Büro der ZEIT in Hamburg. Eine kleine Frau, 26 Jahre alt, den rechten Arm trägt sie seit dem Unglück in einer Schiene. Begum war eine der Näherinnen von Rana Plaza. Hilfsorganisationen haben sie zum Jahrestag nach Europa geholt, damit sie ihre Geschichte erzählen kann.

Noch heute bebt ihre Stimme, wenn sie von den Ereignissen spricht. Schon am Tag vor dem Einsturz hätten sie und ihre Kolleginnen Risse in den Betonwänden der Fabrik entdeckt. Aber ihre Vorgesetzten wollten von der Gefahr nichts hören. Stattdessen drohten sie damit, den Lohn zu streichen und schlugen die Arbeiterinnen mit Stöcken.

Am Morgen des 24. April gegen halb neun fiel der Strom aus. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Begum erinnert sich, dass gerade ein Hosenbund in ihrer Nähmaschine klemmte, als die Generatoren ansprangen, die auf dem Dach der Fabrik die Stromversorgung sichern sollten. Das Gebäude fing an zu vibrieren, plötzlich krachte es. "Ich spürte, wie ich den Boden unter meinen Füßen verlor. Ich fiel und fiel und das Dach stürzte herunter. Alle schrien."