An diesem Donnerstag wird sich in einem kleinen Büro in der Genfer Innenstadt entscheiden, ob die Gerechtigkeit doch noch einen Sieg erringt. Oder wenigstens der Anstand. Es geht um einen Präzedenzfall für die internationale Textilbranche, einer Industrie, in der das Machtgefälle so tief ist wie in keiner anderen Branche auf der Welt. Obwohl um vergleichsweise wenig Geld gestritten wird, geht es also um viel.

Seit September versucht eine kleine Gruppe von Gewerkschaftern, Aktivisten und Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf Geld einzutreiben für die Opfer eines der größten Industrieunglücke der vergangenen Jahrzehnte: des Einsturzes der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013, vor fast genau einem Jahr. Mehr als 1.130 Menschen starben in den Trümmern, Hunderte Näherinnen der Fabrik verloren eine Hand, einen Arm, ein Bein. Viele werden nie mehr arbeiten können.

Es ist ein groß angelegter Plan, der die Unterstützung fast aller relevanten Kräfte hat: der Regierung in Bangladesch, der Gewerkschaften und sogar der Arbeitgeberverbände im Land. Erstmals sollen die Opfer nicht nach einem willkürlichen Verfahren, wie bei früheren Katastrophen in Entwicklungsländern, sondern nach strengen Regeln entschädigt werden. Aufgestellt wurden sie unter dem Dach der ILO.

Bis zum Jahrestag an diesem Donnertag sollen in einem Fonds 40 Millionen Dollar gesammelt werden, eine absolute Minimalentschädigung. Dann sollen endlich Hilfen an die Opfer fließen: Geld für Operationen, Arztbesuche sowie einen Teil des Lohnes, damit die Versehrten unter den früheren Näherinnen weiter ihren Lebensunterhalt bestreiten können. "Es wäre nicht nur ein Mindestmaß an Gerechtigkeit", sagt Ineke Zeldenrust, eine Aktivistin für faire Arbeitsbedingungen in der Textilbranche. "Wir hätten auch zum ersten Mal einen Mechanismus, der geordnete Entschädigungen von Textilarbeitern in den Produktionsländern ermöglicht."

Zeldenrust und andere Aktivisten haben in den vergangenen Monaten nachweisen können, dass mindestens 28 westliche Unternehmen in Rana Plaza produzieren ließen: große Firmen wie C&A, Mango oder KiK, aber auch deutsche Mittelständler wie NKD, Güldenpfennig oder Adler Modemärkte. Zusammen erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von mehr als 20 Milliarden Dollar – mehr als die hundertfache Summe dessen, was der Fonds benötigen würde. Man weiß heute, dass die Arbeitsbedingungen in Rana Plaza unmenschlich und Überstunden die Regel waren. Dass Arbeiterinnen geschlagen wurden. Dass es keinen ausreichenden Brandschutz gab und auch zu wenig Notausgänge. Dass die Fabrik so marode war, dass sie irgendwann einstürzen musste.

Die Näherinnen warten noch heute auf Entschädigung

Dennoch weigert sich die Industrie, die notwendige Summe einzuzahlen. Bis heute enthält der Hilfsfonds lediglich 15 Millionen Dollar, also weniger als die Hälfte der benötigten Summe. Die eingezahlte Summe ist auch nur deshalb so hoch, weil der irische Textilkonzern Primark mehr als sieben Millionen Dollar gab. "Wir sind fassungslos über das Ausmaß der Tatenlosigkeit", sagt Zeldenrust. "Es wäre für die Unternehmen ein Leichtes zu helfen".

Shila Begum sitzt in einem Büro der ZEIT in Hamburg. Eine kleine Frau, 26 Jahre alt, den rechten Arm trägt sie seit dem Unglück in einer Schiene. Begum war eine der Näherinnen von Rana Plaza. Hilfsorganisationen haben sie zum Jahrestag nach Europa geholt, damit sie ihre Geschichte erzählen kann.

Noch heute bebt ihre Stimme, wenn sie von den Ereignissen spricht. Schon am Tag vor dem Einsturz hätten sie und ihre Kolleginnen Risse in den Betonwänden der Fabrik entdeckt. Aber ihre Vorgesetzten wollten von der Gefahr nichts hören. Stattdessen drohten sie damit, den Lohn zu streichen und schlugen die Arbeiterinnen mit Stöcken.

Am Morgen des 24. April gegen halb neun fiel der Strom aus. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Begum erinnert sich, dass gerade ein Hosenbund in ihrer Nähmaschine klemmte, als die Generatoren ansprangen, die auf dem Dach der Fabrik die Stromversorgung sichern sollten. Das Gebäude fing an zu vibrieren, plötzlich krachte es. "Ich spürte, wie ich den Boden unter meinen Füßen verlor. Ich fiel und fiel und das Dach stürzte herunter. Alle schrien."

"Die Unternehmen verhalten sich schlicht strategisch"

16 Stunden lag Shila Begum zwischen den Trümmern des Rana Plaza. Eine Säule hatte sich in ihren Bauch gebohrt und ein Dachteil war auf ihre rechte Hand gestürzt. Sie konnte sich nicht bewegen, hatte Schmerzen, mal war sie wach, mal bewusstlos. "Um mich herum lagen leblose Körper, Frauen, mit denen ich zusammen gearbeitet hatte. Ich betete, weinte, dachte an meine Tochter. Ich hatte Angst, sie nie wieder zu sehen."

Helfer befreiten Begum schließlich aus den Trümmern und brachten sie ins Krankenhaus. Trotz einer Notoperation konnten die Ärzte ihre Gebärmutter nicht mehr retten. Ihre rechte Hand ist so schwer verletzt, dass sie nie wieder als Näherin arbeiten kann. Bis heute hat sie Schmerzen, weil sie sich keine Operation leisten kann, die ihren Arm heilen würde.

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Wenn Shila Begum von ihrem Leben nach dem Unglück erzählt, schaut sie einem nicht in die Augen. Arbeitsunfähig, ohne eigenes Einkommen, ist sie seit jenem Tag abhängig von anderen. Sie lebt jetzt in einem Vier-Quadratmeter-Zimmer in der Wohnung ihrer jüngeren Schwester, getrennt von der eigenen Tochter, die bei Begums älterer Schwester untergekommen ist. Für Mutter und Tochter zusammen war bei keiner der Schwestern genug Platz. Viel Geld hatte Begum nie. Ihr Mann starb früh, mit dem Job als Näherin brachte sie sich und ihre Tochter über die Runden. Dass sie heute nichts für Miete, Essen und Arztrechnungen zahlen kann, empfindet sie als unwürdig. "Die internationalen Hersteller haben von unserer Arbeit profitiert", sagt sie. "Warum stehen sie heute nicht zur ihrer Verantwortung?"

Man kann diese Frage den Unternehmen stellen, die in Rana Plaza produzieren ließen. Warum wollen sie nicht zahlen?

Benetton etwa, ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Euro, teilt mit, es handele sich beim Einsturz von Rana Plaza um eine "schreckliche Tragödie". Man werde Hilfen über eigene Wege und über Nichtregierungsorganisationen zukommen lassen. In den Fonds will das Unternehmen aber nicht einzahlen – angeblich weil dieser ungenügend abbilde, dass größere Firmen auch größere Risiken eingehen, wenn sie Aufträge in Bangladesch vergeben.

Das deutsche Unternehmen Adler Modemärkte, 500 Millionen Euro Jahresumsatz, 4.300 Mitarbeiter, ein Mittelständler mit Sitz Haibach in Franken, teilt mit, man habe nur einen Auftrag an Produzenten in Rana Plaza vergeben – eine Tranche von 15.000 Blusen der Marke Bexley. Und das auch nur aus Versehen, weil ein Lieferant den Auftrag an ein Subunternehmen weitergereicht habe, ohne Adler darüber zu informieren. Man könne aus alledem "keine Verpflichtung ableiten, in einen Fonds einzuzahlen". Aus "humanitärem Verantwortungsgefühl" habe man jedoch 20.000 Euro gespendet, über "vertrauenswürdige Kontakte im Land".

Oder aber die Billigkette KiK, eine Tochter des Tengelmann-Konzerns. Das Unternehmen stritt zuerst ab, in Rana Plaza produziert zu haben, bis Recherchen von Aktivisten das Gegenteil belegten. Bis heute hält das Unternehmen daran fest, von der Produktion in Rana Plaza nichts gewusst zu haben. Anfang März gab KiK schließlich auf Druck von NGOs bekannt, 500.000 Dollar in den Fonds zu zahlen und weitere 500.000 Dollar spenden zu wollen. Aus Sicht der Clean Clothes Campaign – einer Organisation für faire Arbeitsbedingungen – ist das gemessen an der Rolle des Unternehmens viel zu wenig. Eigentlich müsste KiK mindestens fünf Millionen zahlen.

Die spanische Modekette Mango stritt ebenfalls zuerst ab, in Rana Plaza genäht zu haben. Erst als Reporter der New York Times nachwiesen, dass die Näherinnen zum Unglückzeitpunkt Kleidungsstücke für Mango produziert haben, lenkte das Unternehmen ein und zahlte. Die Summe ist unbekannt.

Es ist eine lange Liste von Ausflüchten, der stete Versuch, die Verantwortung zu delegieren. "Viele Unternehmen argumentieren, dass sie nicht gewusst haben, dass Ware für sie in Rana Plaza gefertigt wurde", sagt Zeldenrust. "Aber das offenbart doch nur das strukturelle Problem der Branche, die eigenen Lieferketten zu kontrollieren."

Niemand muss sich schuldig bekennen

Bis heute gibt es in der Modebranche ein weit verzweigtes System von Zuliefer- und Subunternehmen, das es oft unmöglich macht, nachzuvollziehen, woher die Ware stammt. Das Netzwerk ermöglicht es den Unternehmen, immer schneller und preisgünstiger Waren zu beziehen – ohne am Ende die Verantwortung zu übernehmen. Auch deshalb war das Unglück von Rana Plaza möglich.

Thomas Seibert, der Südasienexperte der Hilfsorganisation medico International, sagt: "Die meisten Unternehmen wollen es am Liebsten bei Gabe und Spende belassen." Hinter der Hand argumentierten viele Firmen, eine Einzahlung in den Fonds komme einem Schuldeingeständnis gleich.

Doch dieses Argument ist nicht schlüssig. Der Fonds steht nicht nur offen für die Firmen, die in Rana Plaza produzieren ließen. Jeder kann einzahlen. "Der Fonds ist eindeutig so konzipiert, dass die Unternehmen sich nicht schuldig bekennen, wenn sie sich beteiligen", sagt die Aktivistin Zeldenrust. Die vielen Einzelspenden, mit denen sich Unternehmen wie KiK nun aus der Affäre ziehen, seien sogar ein zusätzliches Problem, weil einige Opfer nun willkürlich entschädigt würden. Manche der Näherinnen bekämen deshalb Geld, andere nicht.

Der wahre Grund, warum die Firmen nicht zahlen, dürfte deshalb ein anderer sein. "Die Unternehmen wissen, dass die Betroffenen und Opfer am Ende ganz schlechte Karten haben", sagt Seibert. Wie in anderen, ebenfalls unabgeschlossenen Fällen – etwa beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises in Pakistan – werde die Industrie versuchen, "das Problem auszusitzen". Am Ende, so das Kalkül, hätten Näherinnen wie Shila Begum nicht die Macht, die Unternehmen herauszufordern. "Die Unternehmen verhalten sich schlicht strategisch", sagt Seibert. "So traurig es auch klingt."

Am Donnerstag wird sich fürs Erste entscheiden, ob das Kalkül aufgeht. Oder aber, ob die Industrie doch noch einlenkt. Wenn nicht? Die Aktivistin Zeldenrust sagt: "Dann kämpfen wir weiter."