Der Asphalt glänzt, Straßenlaternen werfen ein mattes Licht, die Kamera zeigt Wackelbilder im Nachtdunklen. Zu sehen ist sonst fast nichts. Dennoch zeigt das Video einen historischen Moment in der Staatskrise der Ukraine: Es sind Stimmen darauf zu hören – und eine von ihnen gehört dem reichsten Mann der Ukraine, Rinat Achmetow. Vor wenigen Tagen ist er nachts zu den prorussischen Besetzern der Gebietsverwaltung in Donezk gekommen und hat in ihrem Namen verhandelt, um einen Polizeisturm des Gebäudes zu verhindern. Der politische Einsatz des lichtscheuen Achmetow, der Interviews und Volkskontakt meidet, ließ die Kiewer Beobachter aufhorchen: Was will er damit erreichen?

Der Multimilliardär, Herr über 300.000 Arbeitsplätze und – nach manchen Schätzungen – auch gleich 60 Abgeordneten im Parlament, zählte lange Zeit zu den Hauptstützen des geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Er verkörpert die klassische ukrainische Politikvariante der Hinterzimmerdeals und Zweckpartnerschaften mit offener Laufzeit. Am besten, so lautet eine Weisheit vieler ukrainischer Oligarchen, verteilt man die goldenen Eier über verschiedene Nester. Entsprechend fordert Achmetow, die Einheit des Landes zu wahren, und setzt sich zugleich für die prorussischen Protestler ein. Der Milliardär spiele nur den guten und schlechten Polizisten in einer Person, urteilt der Kiewer Journalist Serhij Leschtschenko. Achmetows Ziel dürfte es sein, gegenüber der neuen Regierung in Kiew möglichst viel herauszuhandeln. Es geht um Geld und Macht, die im Osten der Ukraine eine untrennbare Legierung bilden.

Und Achmetow will einiges durchsetzen für das Donzker Gebiet: eine Straffreiheit früherer Janukowitsch-Getreuer, einen bleibenden Einfluss auf die Kiewer Politik, die Beibehaltung der gigantischen Kohlesubventionen, geringere Transporttarife für Eisenerz, niedrige Gaspreise oder eine bevorzugte Behandlung bei anstehenden Privatisierungen. Sein Trumpf und Gegenangebot ist die Ruhigstellung der russlandnahen Unruheregion.

Achmetow, dessen Firmenimperium die Branchen Stahl, Kohle, Transport und Lebensmittel abdeckt, hat kein Interesse daran, vom Kaiser der ukrainischen Wirtschaft zum Fürsten in der Russischen Föderation abzusteigen. Einem Anschluss des Donezker Gebiets an Russland kann er wenig abgewinnen. Auch der Transparenz der Wirtschaftsführung, die in westlichen Ländern gefordert ist, kann er nur wenig abgewinnen – bei allem Wunsch nach internationaler Anerkennung. So bleibt ihm Russland wichtig – als Verhandlungsargument, Energielieferant und Handelspartner.

Russland exportiert vor allem Gas und Ölprodukte in die Ukraine. Im Gegenzug liefert die Ukraine vor allem Maschinen, aber auch Metalle und Lebensmittel nach Russland. Die Maschinen sind allerdings oft mit veralteter Technik und energieverschleudernd produziert worden und auf vielen anderen Märkten kaum konkurrenzfähig. Manche Produzenten von Generatoren, Lokomotiven und Waggons, Flugzeugteilen und Stahlröhren produzieren fast vollständig für den russischen Markt. Laut einer Untersuchung der Russischen Akademie der Wissenschaften hat die Ukraine aber trotz der rückständigen Produktion mehr zur Modernisierung der russischen Wirtschaft beigetragen, als dies umgekehrt der Fall war.

Russland braucht die Militärexpertise der Ukraine

Wie sehr Russland auf die Ukraine angewiesen ist, zeigt vor allem die Militärindustrie, die in der Sowjetzeit im Südosten der Ukraine ausgebaut wurde. Die Motorenwerke in Saporoschje produzieren Motoren für fast alle russischen Kampf- und Transporthubschrauber. Die Langstreckenrakete Satan (mit Nato-Klassifikation), die früher in der ukrainischen Sowjetrepublik gebaut wurde, bildet noch heute einen Teil der russischen Raketenstreitkräfte und wird weiterhin von ukrainischen Spezialisten gewartet. Flugzeuge des Typs Antonow kann Russland nicht ohne die Hilfe des zugehörigen ukrainischen Konstruktionsbüros fertigen.

Ein Ende der Zusammenarbeit wäre für beide Seiten ein herber Schlag: Die Ukraine verlöre ihren Hauptabsatzmarkt und müsste einen schmerzhaften Modernisierungsprozess durchmachen, um auf dem Weltmarkt mitspielen zu können. Russland bräuchte Jahre und Milliardeninvestitionen, um eine eigene Fertigung der bisherigen Importgüter aus der Ukraine aufzubauen.