Raquel López sind die spanischen Politiker peinlich. "Die Debatten sind beschämend", sagt die 31-Jährige. "Nach dem Motto: 'Okay, ich habe gestohlen – aber du hast mehr gestohlen'." López arbeitet eigentlich als Spanisch- und Englischlehrerin, doch zurzeit ist sie arbeitslos. Bei der Wahl zum Europaparlament am 25. Mai wird sie einen leeren Wahlzettel abgeben – wie schon bei all den anderen Wahlen zuvor.

López ist mit dieser Einstellung nicht alleine: Junge Leute finden in Spanien noch immer keine Jobs, und sie haben genug von Politikern, die in ihren Augen keine Lösungen bieten, dafür aber immer wieder Schlagzeilen machen: mit fragwürdige Investitionen, Schwarzgeld und Korruption. Und die am Ende doch nicht zurücktreten.

Zu Besuch in einer Sprachschule in Lugo im nordspanischen Galizien, einer Escuela Oficiales de Idiomas. Diese staatlichen Schulen bieten für wenig Geld Sprachkurse an. Viele Schüler hier sind arbeitslos, so auch Georgina Lloveras, ebenfalls Lehrerin. Die 28-Jährige sitzt neben López, die zwei jungen Frauen wollen ihre ungewollte Freizeit sinnvoll nutzen und lernen Deutsch. "Das einzige, was wir machen können, ist, uns zu bilden", sagt Lloveras. Politiker wie den spanischen Präsidenten Mariano Rajoy nehmen die beiden nicht mehr ernst. Er wirkt auf sie hilflos wie ein kleines Kind. Selbst einen simplen Wissenstest würde diese politische Elite doch nicht bestehen, spotten Lloveras und López. Es ist der Frust gut ausgebildeter, junger Spanier über die Perspektivlosigkeit, die ihnen ihr Land gerade bietet. 

Während sich die wirtschaftliche Lage in Spanien zurzeit leicht bessert, können die Politiker daraus bislang kein Kapital schlagen. Der spanische Arbeitsmarkt hat zuletzt bessere Zahlen vermeldet: Die Arbeitslosigkeit fiel im März im Vergleich zum Februar um 0,35 Prozent und damit so stark wie seit März 2006 nicht mehr. Der Aufschwung kam sogar früher, als Ökonomen ihn erwartet hatten.

90 Prozent der neuen Arbeitsverträge sind befristet

Diese Zahlen aber sind kein Grund zum Jubeln. "Die meisten dieser Jobs sind prekär", sagt Marcel Jansen, Forschungsdirektor der Madrider Denkfabrik Fedea. Mehr als 90 Prozent der Arbeitsverträge, die im März unterschrieben wurden, waren befristet. Ein Drittel davon wiederum waren nur Teilzeit-Verträge. Und noch immer hat ein Viertel der Spanier und mehr als die Hälfte der Jugendlichen keine Arbeit. Die Regierung hat die jüngsten Arbeitsmarktdaten dennoch gefeiert, schließlich kann sie nur selten solche guten Nachrichten vermelden.

Die Regierung ignoriere das große Problem der Langzeitarbeitslosigkeit, warnt Jansen. Inzwischen sind rund 3,5 Millionen Spanier seit Jahren ohne Arbeit. Es ist eine brisante Entwicklung: Langzeitarbeitslose erhalten Arbeitslosengeld für maximal zwei Jahre, bekommen dann noch eine Zeitlang rund 420 Euro im Monat. Durchdachte Programme, um sie wieder für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, gibt es nicht. "Die Regierung unterschätzt dieses Problem", sagt Ökonom Jansen. Sie gehe es nicht an, weil sie dafür Zeit und Geld brauche – Geld, das sie nur bekomme, wenn sie an anderer Stelle streiche.

Noemi García ist eine dieser 3,5 Millionen Langzeitarbeitslosen. Sie ist 32 Jahre alt, studierte Chemieingenieurin und hat noch nie eine feste Arbeitsstelle gehabt, selbst als Verkäuferin hat sie keine Anstellung gefunden. Bislang hat sie nur einige Praktika absolviert. Jetzt lernt sie ebenfalls Deutsch in der Sprachschule von Lugo und hofft auf einen Job im Ausland – auch wenn sie lieber in Galizien bei ihrem Freund bleiben würde, der sie finanziell unterstützt. Geld vom Staat erhält sie nicht mehr. García hat allen Grund, frustriert zu sein – aber ihr Frust bricht sich keine politische Bahn: Zur Europawahl will sie nicht gehen. Sie wisse nicht genug über Politik, sagt sie.