Für die Wirtschaft sind Vorhersagen sehr wichtig – doch kaum etwas ist schwieriger, als verlässliche Prognosen zu treffen. Das Dilemma wurde schon vor Jahren durch den Ökonom Howard Stevenson beschrieben, heute Emeritus der Harvard-Universität. Es ist bis heute gültig, wie die anhaltende Diskussion um das transatlantische Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP) sehr klar zeigt. In der Öffentlichkeit kursieren viele und zumeist sehr unterschiedliche Zahlen über die möglichen Folgen von TTIP für Löhne, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. Welche realistisch sind, lässt sich nur schwer beurteilen.

Zwei Studien verdeutlichen das Problem: Das Center for Economic Policy Research in London prognostiziert in seiner Untersuchung, dass die Wirtschaftskraft der EU durch TTIP bis 2027 um lediglich 0,48 Prozent zusätzlich wachsen wird – gemessen am Bruttoinlandsprodukt –, die Wirtschaft der USA um noch geringere 0,39 Prozent. Das Münchner ifo Institut hingegen sieht ein Wachstumspotenzial von bis zu 13,4 Prozent für die USA und immerhin noch 4,7 Prozent für Deutschland, der größten Wirtschaftsnation Europas.

Das sind sehr große Unterschiede. Sie ergeben sich aus der Art, wie solche Prognosen erarbeitet werden. In der Regel basieren sie auf hochkomplexen Modellen, die mit vielen verschiedenen Variablen, etwa Zollhöhen und technischen Bestimmungen, arbeiten. Es wird angenommen, dass zwischen den Variablen und den zu ermittelnden Zielgrößen, etwa dem Wirtschaftswachstum, bestimmte Zusammenhänge bestehen – also dass beispielsweise eine Zollsenkung das Wirtschaftswachstum ankurbelt.

Starke Vereinfachung der Realität

Wirtschaftsforscher simulieren die Folgen einer Handelsliberalisierung, indem sie die Variablen verändern und dann den Computer auf Basis des von ihnen konzipierten Modells berechnen lassen, was passiert. Ergänzt werden können solche Modelle, wie es in der ifo-Studie der Fall ist, um historische Erfahrungswerte, die aus der Analyse bestehender Freihandelsabkommen gewonnen wurden.

Aber natürlich ist es unmöglich, alle Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Variablen und Zielgrößen in einem Modell zu erfassen. Die Wirklichkeit ist komplex, und sie wird in den Modellen nur vereinfacht dargestellt. Und selbst wenn bestimmte Zusammenhänge eindeutig erfasst werden können, so ist doch oft nicht klar, wie stark sie wirken.

Das gilt ganz besonders für Veränderungen der politischen Regeln. Sie selbst und ihre Folgen sind so gut wie nicht quantifizierbar. Auch die Übertragung historischer Erfahrungen ist problematisch, denn jedes Handelsabkommen hat seine Besonderheiten und ist wegen der eigenen Wirtschaftsstrukturen der beteiligten Länder ein Unikat.

Hinzu kommt: Ökonomen sind sich nicht einig darüber, welche Zielgrößen sich überhaupt prognostizieren lassen – das Wirtschaftswachstum, die Lohnentwicklung, die Auswirkungen des Freihandels auf den Arbeitsmarkt? Zu TTIP stellte die Europäische Kommission beispielsweise in einem Schreiben vom September 2013 fest, dass die "von Wirtschaftswissenschaftlern für diese Form von Abkommen herangezogenen Standardmodelle (…) keine Aussage darüber (ermöglichen), wie viele Arbeitsplätze voraussichtlich geschaffen werden."