Andra-Mitarbeiter graben an einem Tunnel unterhalb des Versuchslabors. © Reuters

"Willkommen in unserem 90-Seelen-Dorf: Auf der rechten Seite sehen Sie die neue Festhalle für 900.000 Euro. Die Bürgersteige wurden alle erneuert und seit Kurzem haben wir sogar ein schickes Drei-Sterne-Hotel." Michel, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen will, steuert den weißen Twingo mit den vielen gelben "Stop-Bure"-Stickern auf seinen Hof. Der 30-Jährige ist Atomkraftgegner und lebt seit über einem Jahr im französischen Bure, das man wie "Bür" ausspricht. Seinen alten Job als Sozialarbeiter hat er aufgegeben. Jetzt lebt er mit Gleichgesinnten in einem vom französischen Anti-Atomnetzwerk Sortir du nucléaire gekauften Bauernhaus, gleich gegenüber der Mairie, dem kleinen Rathaus. Das Dorf liegt gut 250 Kilometer südöstlich von Paris, in einer der bevölkerungsärmsten Regionen Frankreichs. 

Dass die Stadt im Moment geradezu im Geld schwimmt, hat einen einfachen Grund: In Bure soll Frankreichs erstes Atomendlager mit dem Namen Cigéo gebaut und hochradioaktiver Müll sicher verwahrt werden. So plant es zumindest die französische Atommüllbehörde Andra. In einer 500 Meter tiefen Tonschicht will Andra rund 240.000 Fässer in einem ausgeklügelten Tunnelsystem lagern. Ausschließlich ferngesteuerte Roboter werden den hochradioaktiven Müll in spezielle Schächte verfrachten – eine Hightech-Anlage. Bisher ließ Andra in Bure ein Laboratorium sowie ein Besucher- und Technologiezentrum bauen. Insgesamt 1,5 Milliarden Euro hat das gekostet. Mindestens weitere 16 Milliarden wollen die großen Energiekonzerne EDF und Areva zusätzlich verbuddeln.

30 Millionen pro Jahr für die Region

Seit das Örtchen Bure 1998 durch die Regierung zum Endlagerstandort auserkoren wurde, wird die Region mit Geld überschüttet – als müssten seine Bewohner vor allem finanziell überzeugt werden, dass es gut ist, ein Endlager in der Region zu haben. Eine eigens gegründete Gesellschaft verteilt großzügig Gelder der Energieversorger Areva, EDF sowie der CEA, einem Forschungszentrum für Kernenergie: 30 Millionen Euro pro Jahr bekommen jeweils die anliegenden Departements Meuse und Haute Marne.

Öffentliche Listen dokumentieren die Vergabe: restaurierte Rathäuser, neue Abwassersysteme, aber auch private Unternehmen werden unterstützt. Ein Restaurant bekam eine neue Küche und in einer Kleinstadt wurde ein Baguette-Automat für 360.000 Euro gebaut. Bürger, Unternehmer oder Gemeinderäte müssen nur einen Antrag für ein Projekt einreichen. Dass der bewilligt wird, ist nahezu sicher. "Sie kaufen sich die Gewissen der Leute", sagt Atomkraftgegner Michel. Wer einmal Geld bekommen hätte, äußere sich nicht mehr zum geplanten Endlager. Zumindest nicht negativ

Der Bürgermeister von Bure Gérard Antoine gibt sich pragmatisch: "Ohne Andra wäre das hier alles eine Wüste." Eigentlich wollte der etwas ängstlich wirkende Mann gar nicht mehr mit den Medien reden. Mehr als einmal wurde er öffentlich beschimpft, sogar Morddrohungen hat er erhalten. Er hätte sich auch lieber eine große Fabrik mit vielen Arbeitsplätzen gewünscht, sagt Antoine. Aber man könnte sich die Investoren nicht aussuchen. Außerdem sei ja das letzte Wort noch nicht gesprochen und der Atommüll noch nicht da.

Tatsächlich liegt in beziehungsweise unter Bure noch kein einziges Fass Atommüll. Die Betreibergesellschaft Andra hat noch keine Baugenehmigung. Nach einer im vergangenen Jahr einberufenen öffentlichen Debatte, bei der Politiker, Unternehmer und Bürger miteinander diskutiert haben, wurde der Baubeginn nach hinten verschoben. Auch von deutscher Seite – aus Rheinland-Pfalz und aus dem Saarland – kamen Einwände. Hinterfragt wurde vor allem, ob das Grundwasser gut genug geschützt ist, ob sich das Tongestein überhaupt zur Lagerung eignet und wie sicher die Atomtransporte sein werden.