Im Volkswagen-Imperium ist Chattanooga ein Exot. In der Stadt im US-Bundesstaat Tennessee arbeiten 1.700 Menschen für den Autohersteller, es ist der einzige Standort in den USA. Aber einen Betriebsrat gibt es hier nicht – das ist einmalig in der VW-Welt. Selbst die Konzernzentrale in Wolfsburg hatte die Gründung einer Arbeitnehmervertretung unterstützt.

Doch die VW-Beschäftigten entschieden sich Mitte Februar in einer Abstimmung knapp gegen die Gründung, zur großen Enttäuschung der Autogewerkschaft UAW. Sie versucht seit Jahren, in den traditionell gewerkschaftsfeindlichen Südstaaten an Einfluss zu gewinnen. Politiker und Lobbygruppen hätten vor der Wahl gezielt die Arbeitnehmer beeinflusst, klagte die UAW nach der Abstimmung. Sie hätten Gerüchte gestreut, dass nicht mehr in Chattanooga investiert werde, falls sich die Arbeiter für betriebliche Mitbestimmung aussprächen.

Die Entscheidung bei VW in Tennessee wirft ein Schlaglicht auf den Einfluss von Gewerkschaften dies- und jenseits des Atlantiks. Und nach Lesart der europäischen Arbeitnehmervertreter führt sie vor Augen, was im Fall einer Freihandelszone der EU droht: nicht nur Gentechnik und Chlorhühnchen, sondern auch die Absenkung von Sozialstandards.

USA auf dem Niveau von Tuvalu

Ein Freihandelsabkommen mit den USA intensiviere den Handel zwischen den beiden Wirtschaftsräumen, kritisieren die Gewerkschaften. US-Unternehmen würden über die Lohnkosten eine noch härtere Konkurrenz: Wegen des geringeren Einflusses von Gewerkschaften könnten sie problemlos Kostensenkungen durchsetzen.

Aber wie begründet ist diese Sorge? Europäische und amerikanische Mindeststandards im Arbeitsrecht klaffen tatsächlich weit auseinander. Das belegt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), das älteste Gremium der Vereinten Nationen. Die ILO hat eine Art Grundrechte-Charta der Arbeit in Form von Kernarbeitsnormen festgelegt. Zu diesen zählen etwa die Abschaffung der Zwangs- und Kinderarbeit, ein Diskriminierungsverbot und die Vereinigungsfreiheit, also das Recht, in einem Betrieb eine Arbeitnehmervertretung zu gründen.

Inzwischen haben mehr als 150 Staaten weltweit zumindest Teile der Charta übernommen. In der EU haben alle 28 Mitgliedsstaaten die entscheidenden acht Normen der ILO ratifiziert. Die USA dagegen landen im weltweiten Vergleich abgeschlagen auf einem der letzten Ränge: Sie haben nur zwei der acht Grundgesetze ratifiziert: das Verbot von Zwangs- sowie von Kinderarbeit. Nur die Marshall Islands, Palau und Tuvalu schneiden noch schlechter ab – sogar China erkennt mehr Standards an. Die Normen zur Vereinigungsfreiheit und zu Kollektivverhandlungen haben die USA nicht ratifiziert. Gerade sie sind entscheidende Grundlage für erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit.

All das spiegelt sich zwangsläufig auch in den Zahlen der Gewerkschaftsmitglieder wieder. Nach Angaben der Universität Amsterdam, die regelmäßig die Daten erhebt, waren in den USA im vergangenen Jahr 11,2 Prozent der Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft organisiert. In der EU klafft der Organisationsgrad weit auseinander: In Deutschland waren es 18 Prozent im Jahr 2011. In Frankreich waren es knapp acht Prozent, in Schweden dagegen fast 80 Prozent.